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Künstler,
*1966, Valencia, E
www.irational.org/tttp
hartware
2001
Tagung:
art.net.dortmund.de
statement
text
2001
new ideas
- old tricks phoney
text
1999
Podium
1998
Reservate
The Manfred und Wilhelm Beutel Photo Collection
text
1997
Short
cuts The Body Research
Machine text
Publikationen
Wir
Beobachten, 1999
Technologies To The People. Annual Report
2000
Technologies
To The People
1996
gründete Daniel García Andújar das Unternehmen "Technologies
To The People", das noch im selben Jahr die "Street Acces Machine"
auf den Markt brachte: Ein Verbund-
system aus Lesegerät, einer speziellen
Kreditkarte und öffentlichem Onlinezugang, mit dem Obdachlosen und
anderen Randgruppen der Einstieg in die Welt von Plastikgeld und E-Commerce
ermöglicht werden soll. Die als Trademark geschützte "Street
Acces Machine", deren Design schon 1996 die Generation der i-Macs
ankündigte, wird durch eine C.I. und groß angelegte Werbekampagnen
- Flyer, Plakate, Merchandizing - perfekt vermarktet: Das entsprechende
Produkt dazu gibt es allerdings nicht. Andújar geht es auch nicht
um das virtuelle Kapital für alle, sondern darum, Ausgrenzungsstrukturen
zu benennen, die im Zuge der omnipräsenten Cybereuphorien gerne verleugnet
werden. Darüber hinaus greift er die von Politik und Wirtschaft mit
vereinten Kräften gepredigte Verheißung, dass alle Probleme
dieser Welt durch Technologie zu lösen seien, auf um sie ironisch
zu brechen. "Technology sets us free" liest man auf einem Pappkarton,
das ein in der Broschüre der "Street Acces Machine" abgebildeter
Bettler vor sich hält, und mag nicht so recht daran glauben... "Du
bist nicht allein", sondern im "Zentrum der technologischen
Revolution" verspricht "Technologies to the People" dem
sozialen Looser ganz in der Sprache der Soft- und Hartwareentwickler.
Was zunächst wie eine karitative Maßnahme
für alle "Nicht-Vernetzten" erscheint, entpuppt sich auf
den zweiten Blick als die Exponierung eines Machtapparates, der den Zugriff
auf Technologien nicht als Option, sondern als Druck kommuniziert. Denn
die Botschaft, der wir kaum entkommen, lautet eigentlich: Du darfst nicht
allein, d.h. unvernetzt sein.
Die "Street Acces Machine" bringt
den Zynismus, mit dem aus der Perspektive der sozial Integeren die Vernetzung
und Stärkung von Minderheiten im Internet beschwört wird, auf
den Punkt. Was nutzt es Obdachlosen, wenn sie über eine Kreditkarte
verfügen und Waren per Internet bestellen können, jedoch keine
Adresse haben, an die das Bestellte ausgeliefert werden kann? Soziale
Randgruppen vereint im World Wide Web: Das klingt allerdings attraktiver,
als deren unappetitliche Präsenz im Stadtraum.
Iris Dressler
phoney,
1999
CD-ROM,
Präsentation variabel
Courtesy: Technologies
To The People


Installationsansicht,
hartware, 2001, Fotos: rechts: Hans D. Christ, links: Sascha Dressler
phoney
ermöglicht es den Anwendern, in empfindliche Telekommunikationsnetze
einzugreifen und über das Netz der jeweils größten Telefongesellschaft
eines Landes Befehle und Botschaften zu senden. In dieser Position, das
heißt Dank des Programms, kann er Netze destabilisieren, manipulieren,
ausspionieren, täuschen oder gar zerstören. Der Anwender verfügt
mit phoney über die notwendigen Informationen und Werkzeuge, mit
denen er, einem Hacker gleich, nicht nur in empfindliche Netze eindringen,
Systeme schädigen oder vernichten, sondern auch kostenlose Telefonate
nach Australien führen, e-mails und private Nachrichten abfangen
kann. Praktiken, die für viele bereits zur Routine gehören,
die regelmäßig, anonym und geheim ausgeführt werden. Für
Leute mit entsprechender Ausstattung, Know-how und Absicht, sind solche
Praktiken jederzeit und überall realisierbar. Grenzen und staatliche
Rechtsprechung spielen dabei keine Rolle mehr. Es entsteht eine Wechselwirkung
zwischen dem, was als privat oder öffentlich, national oder supranational,
lokal oder global gilt. Die potentielle Bedrohung für die Telefongesellschaft
hängt dabei sowohl von den Fähigkeiten und Absichten des Anwenders
ab als auch von dessen eigenen ethisch-moralischen Grenzen.
Daniel
García Andújar
phoney (engl.) = falsch, gefälscht, unecht
Daniel García Andújar greift mit seinem 1996 gegründeten
und mittlerweile weltweit operierenden Unternehmen Technologies
To The People die Sprache und Ästhetik der IT-Branche auf und
hintertreibt deren Verheißungen von Freiheit, Sicherheit und Kontrolle.
Sein neuestes Produkt nach der erfolgreichen Vermarktung der i-Generation
der Street Acces Machine (iSAM), die auch den letzten Obdachlosen von
der Straße holt und hinein in die schöne Welt der new economy
geleiten möchte, ist nun das Softwarepaket phoney, ausgezeichnet
mit einem Sonderpreis der transmediale.01, Berlin, und nominiert
für den Internationalen Medienkunstpreis 2001 des renommierten Zentrums
für Kunst und Medientechnologien in Karlsruhe.
phoney ist multifunktional: Das Programm kann vom Benutzer
einerseits als herkömmliche Internetsoftware zum Beispiel
für Spiele genutzt werden, bietet ihm jedoch auch die Möglichkeit,
telekommunikative Infrastrukturen zum Erliegen zu bringen. Und wer würde
nicht gerne hin und wieder einmal Ron Sommer ein Killerskript senden?
Hier bietet das Programm einen umfangreichen Katalog der verschiedensten
Typen und Aggressionsgrade an: entwickelt von den Besten der Branche,
wie beispielsweise JODI.
Und so funktionierts: Einfach das entsprechende Script anwählen,
dann hackt man sich mit phoney in den Zentralrechner des gewünschten
Adressaten ein, ein Klick und der Rest erledigt sich in sekundenschnelle
von ganz allein. Geldprobleme? Nicht mit phoney! Man braucht
nur seine Kreditkartennummer einzugeben, und schon kann man sich mühelos
von den tagtäglich neu in die Datenbank eingehenden online-Konten
jeweils 500 DM überweisen lassen. Auch weltweites Telefonieren zum
Nulltarif, zum Beispiel auf Kosten der Telekom, wird mit phoney
kinderleicht gemacht.
Für Neugierige bietet phoney wiederum die ausgeklügeltsten
Tools an, wahre Wunderwaffen im Zeitalter des Information Warfare
mit deren Hilfe man sich in andere Rechner einloggen kann, um dort
nach Herzenslust herumzuschnüffeln: egal ob es sich dabei um den
Rechner des Nachbarn, des Chefs oder des Pentagon handelt. Man muss vorher
allerdings das Passwort herausfinden, das den Zugriff auf die entsprechenden
Tools freigibt denn ein wenig sportlichen Ehrgeiz möchte eben
auch phoney dem Benutzer abgewinnen. Und mit ein bisschen
Kreativität, mit ein bisschen krimineller Energie, wird sich das
Geheimnis schnell lüften.
Eine Anmerkung zum Schluss: Aus rechtlichen Gründen und zur Absicherung
des Herstellers muss das Programm an den entscheidenden Stellen vor dem
Schaden, den man damit anrichtet, warnen. Dies kann man jedoch ebenso
getrost ignorieren wie den Hinweis: Bei Risiken und Nebenwirkungen
lesen Sie bitte die Packungsbeilage und fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.
Iris Dressler
The
Manfred and Wilhelm Beutel Photo Collection, 1998
CD-ROM,
50 gerahmte digitale Prints.Präsentation variabel
Koproduktion:
hartware
Courtesy:
Technologies To The People

Das
von Anfang an sozial und gesellschaftlich aktive Unternehmen "Technologies
To The People", das neuerdings auch weltweit als Ausstellungssponsor
auftritt, hat vor einigen Jahren eine Stiftung ins Leben gerufen, die
sich der komplexen Datenverarbeitung und -distribution ungewöhnlicher
kultureller Zeugnisse widmet: Z.B. der Fotosammlung von Wilhelm und Manfred
Beutel, die im Rahmen der Dortmunder Ausstellung "Reservate der Sehnsucht"
in der ehemaligen Union Brauerei erstmals präsentiert wurde. Die
von Andùjar entdeckte Sammlung der einstigen Brauereiangestellten
dokumentieren historische Ereignisse aus Dortmund, die im öffentlichen
Bewusstsein dieser Stadt heute nur wenig präsent sind: insbesondere
was die Jahre des deutschen Faschismus sowie der fast vollständigen
Zerstörung der Innenstadt während des Zweiten Weltkrieges anbelangt.
Die historischen und aktuellen Stadtansichten, deren Hauptmotiv immer
die Union Brauerei ist, wurden im Eingangsbereich der Ausstellung gezeigt.
Der wesentliche
Beitrag von "Technologies To The People" bei der Präsentation
der Fotosammlung bestand in einem eigens entwickelten geografischen Informationssystem,
kurz GIS, mit dem sich von jedem einzelnen Bild der exakte Zeitpunkt der
Aufnahme sowie der Standort des Fotografen ermitteln lässt. Ziel
war es, mittels der eingespeisten Bilddaten und deren Verknüpfung
mit zusätzlichen komplexen Informationen, eine nahezu lückenlose
visuelle Rekonstruktion der jüngeren Dortmunder Stadthistorie zu
erstellen. Solch faszinierenden Zeitreisen sind freilich erst möglich,
seit Satelliten wie SPOT und LandSat die Erde umkreisen, so der begeisterte
Sponsor...
Neben den beschriebenen
Parametern der konsumerfreundlichen Nutzung von Militärtechnik, fand
das Projekt "Fotosammlung von Manfred und Wilhelm Beutel" seine
eigentliche Bedeutung erst auf einer Metaebene, die sich hauptsächlich
dem lokalen Publikum erschloss: Auf jeder Fotografie erscheint die Union
Brauerei an einem falschen Ort: Sie wurde jeweils leicht verschoben, deplaziert.
Wilhelm und Manfred Beutel sind zwar keine fiktiven Personen, haben jedoch
nie in der Union Brauerei gearbeitet. Tatsache ist vielmehr, dass der
Widerständler Wilhelm Beutel in Dortmund von den Nazis umgebracht
wurde. Andújar, der von 1996 bis 1997 im Rahmen eines Stipendiums
6 Monate in Dortmund lebte, hat sich eingehend mit der Nazi-Vergangenheit
dieser Stadt beschäftigt und deren Abwesenheit im öffentlichen
Raum bemerkt: Kein Platz, keine Straße, die etwa nach dem Widerständler
Wilhelm Beutel benannt wäre... In diesem Sinne ist die vorgetäuschte
Präsentation der angeblichen Fotosammlung von Wilhelm und Manfred
Beutel nicht in erster Linie ein "Fake", sondern eine Hommage
an Wilhelm Beute sowie eine Revision der Dortmunder Stadtgeschichte, die
jenseits der schicken Simulationen durch GIS liegt.
Zugleich unterläuft
das Projekt Rezeptions- und Repräsentationsmuster am Ort "Museum":
Die museale Inszenierung der Sammlung inklusive des in keinem modernen
Museum mehr wegzudenkenden Datenscreens, untermauert zunächst die
Glaubhaftigkeit des Gezeigten. Durch die zum Teil offensichtlichen Bildmanipulationen
wurde diese Glaubhaftigkeit bei näherer Betrachtung jedoch ad absurdum
geführt: Es kam zu Spekulationen und Missverständnissen aber
auch zu Wiederentdeckungen: Z.b. dass es in Dortmund eine Bücherverbrennung
gab, die Ausmaße des Bombardements, das Schicksal von Wilhelm Beutel,
...
Iris
Dressler

The
Body Research Machine, 1997
Installation,
Multimedia, entwickelt im Rahmen der Ausstellung "Short Cuts".
Koproduktion:
hartware
Courtesy: Technologies
To The People
Seit
2000 in modifizierter Form in der ständigen Sammlung der Deutschen
Arbeitsschutzausstellung, Dortmund

THE
BODY RESEARCH MACHINE© nutzt neuartige Technologien, die auf hochentwickelten
Scannern und volume-rendering-Systemen beruhen. Diese biometrischen Technologien
werden gezielt eingesetzt, um komplexe Daten über den menschlichen
Körper zu erfassen. THE BODY RESEARCH MACHINE© analysiert dabei
im wesentlichen Schallwellen, d.h. die Maschine sendet Ultra-Schallwellen
durch den Körper, die in Phasen-Daten aufgespalten werden. Sie sucht
dabei jede Sektion des Körpers auf interessante Informationen ab
und überträgt sämtliche Eingangssignale in eine spezielle
Computerdatenbank.
Das Datenbanksystem,
das von TECHNOLOGIES TO THE PEOPLE© eigens entwickelt wurde, beruht
auf dem Aufbau verschiedener Atommodelle (eine Vielfalt von Kohlenstoffen,
Sauerstoff, Nitrogen, Phosphor, Schwefel und Wasserstoff) und kann individuelle
Amino-
säurestrukturen
Atom für Atom nachbauen. Auch andere, weniger komplexe Daten werden
darüber hinaus in unserer Zentraldatenbank gespeichert. Die gewonnenen
Daten können schließlich mit den DNA-Ketten einer GenBank verglichen
werden.
TECHNOLOGIES TO
THE PEOPLE© versichert, dass die gespeicherten Daten zu keiner Zeit
an Makler, Versicherungsgesellschaften, staatliche Behörden, Biotech-Gesellschaften
oder andere weitergereicht werden. TECHNOLOGIES TO THE PEOPLE©s Hauptaugen-
merk richtet sich
vielmehr auf den Schutz und die Garantie der Privatsphäre des Einzelnen
und seiner oder ihrer genetischen oder anderen Daten. Wir werden keine
Patentierung der DNA-Ketten oder den Verkauf des genetischen Materials
zulassen. Wir garantieren dagegen die individuelle Kontrolle über
persönliche Informationen. TECHNOLOGIES TO THE PEOPLE© unterstützt
das "Model Ethical Protocol for Collecting DNA Samples".
In den kommenden
Jahren wird das Human Genome Project seine Mission, die Trans-
kription des Codes,
der die Erschaffung und Entwicklung menschlichen Lebens kontrol- liert,
erfüllt haben. Dieser Code wird dann für alle auf dem Markt
verfügbar sein, so hoffen wir. Sind die DNS-Ketten des Menschen erst
einmal vollständig entschlüsselt und inter- pretiert, dann werden
wir in der Lage sein, das Ergebnis für unsere eigenen Zwecke zu nutzen.
Wir werden uns selbst neu erschaffen. Somit werden wir den Lauf der Evolution
selbst ändern.
Daniel Gracía Andújar
Statement
(Tagung art.net.dortmund)

New possibilities create new unknowns.
New unknowns create new possibilities.
Generally speaking, the debate about the new technologies, and particularly
as
they bear on art, continue to cover a wide spectrum, from blindness and
the
most absolute rejection, to the most stupidly servile acceptance and total
affirmation. To me it seems obvious that the practise of art will be changed
by
the impact of new technologies, as will every other aspect of society,
although
it is possible that some values will remain substantially unchanged. The
spectator, the audience for which a work is intended, is today more
accustomed than ever before to highly sophisticated representational
techniques as used in advertising and by television, but above all by
the
transformation of media consumption habits arising from the spread of
the
internet and the systematic introduction of computers into the private
sphere.
No one can now escape from the profound changes being wrought by the
so-called new technologies and the parallel impact being produced by
globalisation on our societies, economies, cultures, and perceptions of
our
surroundings.
Even so, I think that we have made rather a fetish of these new technologies,
and I believe that -without taking apocalyptic positions of complete
rejection we must keep cool heads and pragmatic functionality when
considering what is in store for us, and our scope for action and response
to it
all. Our attention to what we call new technologies should not be focused
so
much on the possibility of marvellous technological flights, but rather
the
battlefronts that are beginning to emerge in a society now immersed in
a
process of violent and fundamental change.
Work itself no longer represents a practise that is especially separate
and that
structures itself in accordance with different criteria and procedure
pertaining
to the spheres of politics or art. Work no longer produces only merchandise
and
objects, but now it also produces social relations, ways of living, and
new ways
of subjectivisation of which we should be aware.
I hope this phenomenon changes the manner in which the work of the artist
is
viewed and his her relations with the rest of the society.
We believed (few years ago) that in the new global world there is a certain
equality of opportunity for all who use the technology, and new tools
are
available to people of whatever stripe or aim that want to use them. Here
also
there is a globalising effect, and while it may have some perverse aspects.
One
of them, however, is plain: The free, independent, unregulated and uncontrolled
use of independent and personal art servers will very soon become seriously
limited by different circumstances. What we cannot do is to expect that
the
hopes raise by globalisation will limit our capacity to create and communicate
openly.
I think now is the time where institution and the administration should
set up
some sort of financial support to developed net projects, may be without
expecting to much immediate results comparing with traditional art.
In the culture field the identity of cultural institutions and their initiatives
cannot be defined by their rentability, but instead by their careful selection,
critical aspects, definition, identity, meaning and context.I believe
that a major
feature of the information revolution has been the spectacular increase
in the
number of net-based organised groups, most of them with a supranational
scope. The phenomenon obviously extends to all sort of groups, including
civil
organisations and NGOs, but it also changes the manner in which
the work of
the artist is viewed, and his or her relations with the rest of society.
We find it a
good context for developing, promoting, and above all for
discussing artistic
work. We must certainly benefit from technology to strengthen our structures
and attain a scope and projection that would be very difficult to achieve
without
these tools.
Daniel Gracía Andújar
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