Künstlerin, *1965, lebt in Wien

hartware
1998
Reservate der Sehnsucht

Napoli – Roma, 1996
Video, Farbe, Ton, 42'

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Die Geschwindigkeit macht das Sehen zum Rohstoff, mit zunehmender Beschleunigung wird das Reisen zum Filmen: es erzeugt nicht so sehr Bilder als vielmehr unglaubliche und übernatürliche Erinnerungsspuren", bemerkt Paul Virilio in der "Ästhetik des Verschwindens" zur medialen Neuorganisation der Wahrnehmung in der motorisierten Welt.(1)
Siegrun Appelt setzte sich am 24. September 1996 in den Schnellzug von Neapel nach Rom und filmte den Ausblick aus dem offenen Zugfenster mit einer auf einem Stativ fest justierten Videokamera - keine Schwenks, keine Schnitte, die Brennweite des Objektivs auf Unendlich fokussiert. Gefilmt wurde quasi ohne manipulativen Eingriff zu den Bedingungen der technischen Apparatur. Auf diese Weise entstanden bewegte Landschaftsbilder in der Optik eines »apparativen Blicks« (Virilio), die das menschliche Auge so nicht wahrzu-nehmen vermag: Je schneller der Zug fährt, desto mehr verschwimmt der Ausblick zur abstrakten Farbspur, lösen die Bewegungsvektoren jede bewusste Wirklichkeitswahr-nehmung auf. Landschaftliche und architektonische Elemente wechseln sich in rascher Folge ab, zu schnell, um einzelne Elemente zu identifizieren. Was bleibt, sind differenzierte Farbwerte und chromatische Texturen mit ästhetischem Eigenwert. Im Prozess der Ver-wandlung des gefilmten Außen in eine autonome Farbstruktur gerät der Abbildcharakter sekundär, löst sich die farbige Textur des Fensterausblicks von ihrem ursprünglichen Referenten. Die Landschaft, auf ihre elementare Chromatik reduziert, verliert ihre Spezifität zugunsten einer malerischen Oberflächenstruktur, steht in der dynamischen Verzerrung aber auch sichtbar im Zeichen ihrer medialen Perzeption.
Die Mobilität organisiert so ihre eigene Wahrnehmung, bei der das Reisen zum Filmen wird, und die Beschleunigung die Landschaft zum Verschwinden bringt. Wenn die inszenierte Wahrnehmung des Außen als verschwimmender Farbraum an die Stelle der unmittelbaren Naturerfahrung tritt, muss jedoch auch das Wieder-Erkennen ersetzt werden durch das Wissen um das Reale im Stillstand, der optische Reiz des Videobildes ergänzt werden durch individuelle Erinnerungen. Denn das Kameraauge repräsentiert eine Wirklichkeit jenseits der konventionellen Seherfahrung des Zuschauers, eine reproduzierte Realität aus flüchtig aufblitzenden Fragmenten, die das Reale verschwinden lässt und Bilder ohne Erinnerungsspuren zum Vorschein bringt. Bei diesen Reisebildern gibt es kein Fernweh mehr, keinen sehnsüchtigen Blick aus dem Fenster; das Sehen ist zum reinen Substrat geworden, und das, was es wahrnimmt, scheint einer anderen Ordnung anzuge-hören. So verlagert sich die eigentliche Beschleunigung in den Raum der medialen Bilder: "Napoli-Roma" als Film in Echtzeit, aber eben doch nur als abstrakter Bilderfluss, als virtuelle Reise durch den von der Geschwindigkeit transformierten Vektorraum der Landschaften Italiens. Vanessa Joan Müller

1 Paul Virilio: Die Ästhetik des Verschwindens, Berlin 1986, S. 67.



Installationsansicht "Reservate der Sehnsucht", Union Brauerei, Dortmund 1998, Foto: Christoph Irrgang