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Autor
und Kurator, Berlin
hartware
2001 Bignes?
(Kurator, gemeinsam mit Madeleine Bernstorff)
2000 In
oder Out? Kunst
im öffentlichen Raum
Kritik der
unternehmerischen Stadt. Aussichten auf eine "Stadt der guten Hoffnung?"
Interview von Volker Eick mit Jochen Becker,
aus: ak (Hamburg) #453, 2001
Du bist Herausgeber von "bignes?", einem Buch zur "Kritik
der unternehmerischen Stadt". Ganz unterschiedliche Leute haben in
dem Buch geschrieben, wie ist die Entstehungsgeschichte?
Jochen Becker (JB): Ausgangspunkt war eine Einladung zu den Internationalen
Kurzfilmtagen in Oberhausen 1999. Ich wurde gefragt, ob ich zum Thema
Stadt Vorträge und ein Kurzfilmprogramm organisieren
könnte. Das Kurzfilmprogramm entstand zusammen mit der Filmkuratorin
Madeleine Bernstorff. Mir schien das Thema zu Oberhausen vor der Tür
zu liegen, nämlich die "Neue Mitte Oberhausen". Also die
CentrO Shopping Mall, die Mehrzweckhalle Arena Oberhausen mit Fußball-,
Eishockey-, aber auch RTL2-The Dome-Chartshow, einem Strip aus Themengastronomie,
einem Planet Hollywood, einem Musicaltheater, einem Multiplex, also was
landläufig heute als Urban Entertainment Center verkauft wird. Wenn
ich Leuten von Oberhausen erzählt habe, war es - auch bei mir selbst
- so, dass man früher an die Kurzfilmtage gedacht hat. Jetzt verbinden
die meisten allerdings mit Oberhausen die "Neue Mitte" oder
das CentrO. Es hat also auf der mentalen Landkarte eine deutliche Verschiebung
gegeben. Insofern tat es dem Festival auch gut, darüber nachzudenken.
Die Idee dabei war zu schauen, was großmaßstäbliche Stadtentwicklungsprojekte
in zentraler Lage, die es nicht nur in Oberhausen gibt, bedeuten; also:
Potsdamer Platz, das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21, der Space Park in Bremen
oder dann so etwas wie EuroLille, der Bahnknotenpunkt im nordfranzösischen
Lille von Rem Koolhaas. Der niederländische Architekt hat den Begriff
bigness geprägt. Er skizziert bigness eher positiv. Bigness sei das
Regime der Komplexität, das man nicht mehr steuern könne,
so dass ein gewisses produktives Chaos ausbräche. Das wurde Anfang
der 90er Jahre in Berlin beim Potsdamer Platz den Tiger reiten
genannt. Also: die Marktkräfte als etwas Positives zu akzeptieren
und sich derer zu bedienen.
Das war unser Ausgangspunkt: Oberhausen sich als ein Spezifikum anzuschauen,
aber doch einzubinden in eine Entwicklung, die breiter ist und über
Oberhausen hinausgeht. Das zweite 's' im Titel ist durch ein Fragezeichen
ersetzt, da es uns einerseits um die Analyse, aber dann auch um die Frage
nach Formen von Widerstand dagegen geht.
Muss es dagegen eine Form von Widerstand geben? Die Akzeptanz der Neuen
Mitte ist doch relativ groß.
JB: Ja, das ist so. Das kann man ja auch hier am Potsdamer Platz
sehen. Alle offiziellen Befürchtungen, dass das Potsdamer Platz Projekt
nahe an Kreuzberg liege und dass da, wer weiß was passiert - nichts
- keine großen Aktionen, soweit ich weiß. Offensichtlich federn
neuartige Marketingstrategien solche Dinge ab. Dies führt auch zum
zweiten Teil des Titels, Image/Politik: Es gibt also eine neue Art, solche
Projekte zu vermarkten und zu lancieren.
Ausgrenzungsprozesse hat es vorher auch gegeben, gibt es denn so etwas
wie eine neue Qualität, haben sich die Zielgruppen geändert,
hat sich etwas auch im gesellschaftlichen und ökonomischen Umfeld
geändert? Wo seht ihr da den Knackpunkt?
JB: Ich fand an der "Neuen Mitte Oberhausen" interessant,
dass es früher ein geschlossenes Terrain war. Es war ein Stahlwerk,
wo die männliche Arbeitsbevölkerung temporär Aufenthalt
hatte und sonst nicht. Rein von der Begehbarkeit des Ortes her war die
Umwidmung also eine Öffnung. Das sollte man nicht unterschätzen.
Die jetzt abgeräumten Hafenareale und Industriearele waren ja geschlossene,
vom Werkschutz abgeschottete Bereiche. Das hat sich jetzt verschoben.
Heute ist es so, dass diejenigen, die konsumieren können und wollen,
dort zugelassen sind. Aber du hast weiterhin Wachschutz, der aus dem Werkschutz
hervorgegangen ist, und weiterhin ist es ein kontrolliertes Terrain im
privatwirtschaftlichen Besitz. Das war beim Potsdamer Platz anderes, der
war ja mal normaler Stadtraum und wurde jetzt zu einem teilweise privatwirtschaftliche
kontrollierten Terrain. Wie es ein Kameramann in dem sehenswerten Film
Dritte Generation des Wohlfühlens erzählt, dass
er gar nicht mehr weiß, wo jetzt Privatgelände ist und wo nicht,
wo er nach einer Filmgenehmigung fragen muss oder nicht. Der Senatsbaudirektor
Stimmann hat gesagt, man würde es an den Laternen erkennen, wo Privat-
und öffentliches Land sei...
Wir beobachten die Ausweitung des privat kontrollierten Terrains, wo aber
meine Schlussfolgerung nicht so sehr wäre, den Verlust des öffentlichen
Raum zu bejammern, sondern endlich mal zu überlegen, was denn der
privatwirtschaftlich kontrollierte Raum bedeutet: Muss man da nicht viel
stärker ansetzen und da die politische, gewerkschaftliche Betätigung,
das Demonstrationsrecht und so weiter einfordern, anstatt den Verlust
zu bejammern. Die Reste öffentlichen Raums werden ja schließlich
auch kontrolliert und bewirtschaftet. Gewisse Debatten scheinen mir eher
rückwärtsgewandt vielleicht muss man da auch stärker
darauf beharren, schon alleine strategisch. Aber ich kann mich dafür
nicht mehr so begeistern.
Die Ansätze im Buch versuchen Kultur mit Politik und Widerständigkeit
zu verbinden. Ist das eine Auswahl, die du bewusst getroffen hast? Oder
handelt es sich Deiner Meinung nach dabei um die neuen Akteure städtischer
Widerständigkeit auf Grund des Wandels von der fordistischen zur
postfordistischen Stadt?
JB: Es sind zumeist Akteure mit Kultur-Hintergrund, die versuchen,
städtische Themen und Konflikte zusammenzuführen. Genau so wie
das Buch versucht, dies zusammenzuführen. Aber nicht nur aus dem
Kulturbereich: Mogniss H. Abdallah und andere, die beschreiben was in
Frankreich in den Banlieue passiert, oder die "Mission" in Hamburg,
ein Projekt, das von obdachlosen Leuten gemacht wird.
In der Frage, wie die verschiedenen, doch recht zersplitternden Interessen
und Konflikte wieder zusammengeführt werden können, und wer
das überhaupt versucht, da ist vielleicht das Kunst- und Kulturmilieu
das eher Offenste, Weichste und damit auch mit mehr Möglichkeiten
des Zugangs nicht nur zur Fachöffentlichkeit ausgestattet. Vielleicht
sind es auch die, die immer noch die meiste Zeit haben. Andererseits beobachtet
man ja verstärkt, dass der Widerstand relativ selten von den Betroffenen
selbst ausgeht - aus verschiedenen Gründen. Das ist jetzt etwas anderes
als die Bewegungen der 80er Jahre.
Warum ist das kulturelle Milieu deutlich stärker in den städtischen
Auseinandersetzungen engagiert, als die 80er Jahre Bewegungen?
JB: Sie sind zum Teil selbst zentrale Akteure der Stadtentwicklung.
Zumindest im kritischeren Kulturbereich hat es sich mittlerweile herumgesprochen,
dass man - Ted Gaier von den Goldenen Zitronen nennt das "trocken
wohnen - eine Funktion hat in der Stadtentwicklung. Zumindest sollte
darüber reflektiert werden, dass man im Rahmen von gentrification
eine Pionierrolle spielt, dass man die Funktion hat, den Standort attraktiv
zu machen. Ich glaube, es gibt in der Kulturszene durchaus ein Bewusstsein,
welche Rolle man selbst spielt. Offensichtlich ist Kultur zudem ein Terrain,
auf dem sicherlich viel symbolische Politik, aber auch viel konkrete Politik
verhandelt wird. Da muss man aufpassen, in wie weit man sich blenden lässt.
Für mich ist das ein reales Kampfterrain.
In den 80er Jahren lief ja viel über Text, als Diskussionen um Bebauungspläne
etc. Heute vermittelt sich Stadtpolitik viel mehr über Zeichen und
Bilder. Abgesehen von der Ambivalenz, die das beinhaltet, gibt es dadurch
natürlich auch eine höhere Anschlussfähigkeit für
Gruppen aus dem Kunst- und Kulturspektrum. "Reclaim the Streets"
(RTS) oder auch die "InnenStadtAktion" haben ja durch Verfremdungen
versucht, Anschlüsse zu finden, etwa indem sie städtische Codes
aufgreifen.
JB: Die "NoOlympics"-Kampagne in Berlin hatte
massive reale stadtpolitische Effekte. Sicherlich gab es auch andere Gründe,
warum die Olympischen Spiele an Berlin vorbei gegangen sind. Meiner Kenntnis
nach hatte NoOlympics die Pionierdebatte um Imagebeschmutzung
in der Bundesrepublik. Die Frage, welche Effekte "RTS" realpolitisch
hat, ist schwer einzuschätzen. Ich denke, es ist die Menge an diversen
Projekten, die dann aber auch strategisch gebündelt werden müssen,
um Effekte zu erzielen. Es ist so, dass die Stadtpolitik selbst sehr stark
auf Symbole und Images setzt. Vom computeranimierten Film, der den Potsdamer
Platz schon bevor irgendeine Baugrube ausgehoben ist als
real existierend zeigt. Ich glaube, das hat auch was an Widerstand und
Protest weggenommen. So ein Gefühl, das Ding steht schon, obwohl
zum Teil noch gar nicht die Baugenehmigungen da waren. Es gab wenig Protest.
Bis auf kleine Initiativen und Gruppen, die genau auf dieser Symbolebene
das Gefühl hatten, ansetzen zu können, die Bilder anzugreifen
bzw. Gegenbilder zu entwickeln. Und natürlich Kunzelmanns legendäre
Eierwurf auf den Regierenden Bürgermeister Diepgen.
Da kann man lange drüber reden, welche Effekte das real hat. Aber
ich denke, es hat schon allein den Effekt, dass es viele Debatte darum
gab, die das dann auch noch einmal verlängert und verstärkt
haben.

In deinem Einleitungsbeitrag schreibst Du Ein Leben auf Abruf kennt
Politik häufig nur noch als Notwehr.
JB: Das sind Erfahrungen auch der "InnenStadtAktion".
Man sieht, dass die Leute, die man mantra-artig immer als Junkies, Obdachlose,
Illegalisierte auflistet, dass das Leute sind, die wegen hoher Alltagsorganisationsanforderungen,
wegen nun weiß Gott anderer alltäglicher Probleme, aber auch
wegen der juristischen und polizeilichen Notwendigkeit, nicht sichtbar
zu werden, im Grunde genommen keine Politik im linken klassischen Sinne
machen. Höchstens als Notwehr. Das alles sind Sachen, die bislang
nicht sehr als politisches Handeln gelesen worden sind. Ich habe den Begriff
des städtischen Handelns übernommen, der diese anderen Formen
zu beschreiben versucht, was andererseits auch die kulturelle Praxis einschließt,
die oftmals auch nicht klassischer Protest und Widerstand ist. Diese Anekdote,
die ich von dem Typ an der Champs Elisées erzähle, fand ich
persönlich sehr beeindruckend. Eine klitzekleine Sache. Dieser Mann
macht Liegstütze und hält sich fit. Dann sieht man ihn in seinem
Appartement, und er lächelt und sagt: 'Ja, ich bin der letzte hier,
um mich herum sind überall Büros, und wenn ich sterbe, dann
wird meine Wohnung für das Vierfache vermietet werden können'.
Und man versteht, warum sich der Mann fit hält.
Ist da so etwas wie eine Hoffnung, eine vage Idee, eine Strategie drin?
JB: Das ist wahrscheinlich ähnlich wie bei "Kanak Attak".
Ob sich jetzt die authentischen sog. Straßenkanacken wirklich so
organisieren würden, das ist natürlich etwas anderes, das glaube
ich auch nicht. Eher ist das Buch der Versuch zu beschreiben, was auch
Franziska Roller beschäftigt: wie sieht Politik nach der Politik
aus, nach der großen Politik. Es gibt noch das Andere neben der
großen Politik, aber man muss auch aufpassen, dies nicht über
zu bewerten. Aber dennoch finde ich wichtig, ein Auge darauf zu haben.
Letztendlich haben die "InnenStadtAktion"-Gruppen es nicht geschafft,
mit denen, die ich vorhin aufgezählt habe, wirklich direkte große
Koalitionen einzugehen. Sie sind darin aus verschiedenen Gründen
gescheitert, und es braucht sicherlich ein anderes Vorgehen. Der große
Schritt war, überhaupt über die direkte Betroffenheit hinwegzugehen,
und zu sagen, da sind ganz andere betroffen oder werden verfolgt bzw.
ausgegrenzt und dagegen muss man etwas tun. Man muss die Waage zwischen
diesen sehr konkreten, lokalen Perspektiven und einer strukturellen Analyse
suchen und vor allem, Sachen zusammenführen, bündeln und ihnen
dadurch Gewicht verleihen. Das ist vielleicht auch der Versuch des Buches
nicht als Bewegung, sondern als Einzelperson mit ihren Kontakten.

Es entsteht der Eindruck, dass MieterInnenwiderstand in dieser Perspektive
deutlich unterrepräsentiert ist. Hat das konzeptionelle Gründe,
oder ist das Deiner individuellen Biographie der Zugänge geschuldet?
JB: Richtig, ich bin nicht darauf gekommen, zu überlegen,
wie sähe das aus dieser Perspektive aus. Andererseits ist das allerdings
auch eine Form von Protest und Widerstand, die besser organisiert scheint.
Ich erwähne zwar gewerkschaftlichen Protest etwa im Dienstleistungs-
und IT-Bereich, aber eben als Neu-Formulierung, wobei versucht wird, auf
neue Verschiebungen im beruflichen Bereich einzugehen und damit die eigene
Politik neu zu entwickeln. Die MieterInnenvertretungen erscheinen mir
jedenfalls relativ organisiert, aber sie stehen kaum in Kontakt zu Leuten,
die nicht einmal mehr Miete zahlen können. Im Kern ging es mir eher
um Sachen, die nicht so repräsentiert und noch nicht so sichtbar
sind.
"Gott ist rund", behauptete unlängst der FAZ-Journalist
Dirk Schümer in einem Band zum Thema Fußball, die Landespolizeien
interessiert - mathematisch einigermaßen desaströs - die "dritte
Halbzeit". Was beobachtet Ihr zum Thema 'Fußball in der Stadt'?
JB: Der Ausgangspunkt war das Projekt von Marc Pataut, das ich
erstmals auf der letzten documenta gesehen hatte. Der hat die Erstehung
des Stade de France in Saint Denis - ein Vorort von Paris -, das zur WM
98 errichtet worden ist, in einem Kunstprojekt fotografisch beobachtet.
Vorher war dort eine große Brache zwischen verschiedenen Verkehrsinfrastrukturen.
Dort sollte das Stadion der Franzosen und für Frankreich entstehen,
in dem das Eröffnungs- und Endspiel stattfand. Gleichzeitig war das
aber auch ein riesiges Stadtentwicklungsprojekt für Saint Denis.
Die Stadt war mal eine kommunistische Hochburg, wo Le Hummanité
ihre Redaktion hat die Stadt gehört zum roten Gürtel
von Paris.
Marc Pataut hatte sich als Fotograf gesagt, ich schau' mir diese Brache
an und hat dann gemerkt, da wohnen Leute: WagenburgbewohnerInnen, Obdachlose
sowie Leute, die irgendwie das Landleben in der Stadt mögen. Deren
sehr unterschiedliche Lebenspraxis hat er dort bis zur Räumung beobachtet.
Die Leute haben keinen klassischen Protest und Widerstand organisieren
können und sind dann irgendwann einfach von dannen gezogen und zum
Teil in traurige Wohnungen umgesiedelt worden, wodurch der gesamte soziale
Zusammenhang auseinandergerissen wurde. Das zeigt er in sehr nüchternen
Fotos. Gunnar Ulbrich schrieb dazu dann einen Text, wie die Lokalpolitik
das Stadion begleitet hat und welche Phantasmen von Wir bringen
den Bewohnern Sport, Spaß, Spannung entstanden.
Es ist eigentlich ein groß angelegtes Stadtentwicklungsprojekt,
doch außer einem sehr traurigen Sportkaufhaus und wenigen Wohnungsansätzen
ist dort nichts entstanden. Letztendlich ist das Stade des France ein
Flopp. Und weil das teuer ist, sucht man neue Finanzierungsmodelle, und
das ist das Vermarkten - die mediale Verwertung, der Fanshop bis hin zur
shopping mall. Weil die Gagen der Fußballer und die Ablöse-Summen
zunehmend steigen, versuchen die Vereine, marktfähig zu werden und
sich in Aktiengesellschaften umzuwandeln. Diese Verzahnung zwischen Stadtpolitik,
Sport, Freizeit und unternehmerischen Aktivitäten, die aus Fußballclubs
Unternehmen macht, hat uns interessiert. Es war der Versuch, sich anzuschauen,
was das für die Stadt und die Stadtpolitik an Effekten zeitigt. Da
ich kein großer Sportfan bin, war es mir relativ egal, welche Veränderungen
damit für den Sport verbunden sind, aber es gibt da natürlich
auch Auswirkungen.
In den USA soll es ja eine neue bzw. alte Klassenzusammensetzung in
den Stadien geben. In wie weit greift so etwas auch in der BRD?
JB: Du spielst auf das Logen-Prinzip an. Es gab ein hoch interessante
Ausstellung über Stadienbau im niederländischen Architektur-Institut.
Da sagen Verantwortliche, dass sie im Grunde genommen mit den Fernsehübertragungen
das meiste Geld machen. Sie könnten also eigentlich eine black box
bauen, mit ganz vielen Kamerapositionen, und darin machen sie ihr Spiel.
Aber das würde natürlich nicht funktionieren. Die Stimmung,
die Life-Aktionen, das Life-Publikum ist wie bei talkshows und den großen
Samstagabendshows wichtig. Der hooliganism und die Laola-Welle sind offensichtlich
Marketingargumente. Und das wollen sie, aber gleichzeitig wollen sie auch
neue Kundschaft anziehen. Also darf andererseits nicht zu viel Gewalt
sein, hooliganism ist dann doch Scheiße. Denn sie wollen familienfreundlicher
werden, noch das Museum und den shop angliedern. Und sie wollen neue Schichten
erschließen, die sich in Glasvitrinen abgeschottet für viel
Geld ihre Kundenbeziehungen abends noch durch einen netten Fußballspielbesuch
unterfüttern. Das sind die Klassenaufteilungen in den Stadien.
So läuft das "auf Schalke" aber nicht.
JB: Richtig, meines Wissens unterläuft das nur Schalke, in
dem sie zwar feste Sitze, die für die WM notwendig sind, temporär
installieren, aber sonst weiterhin fangerechte Stehplätze haben.
Alle anderen Stadien haben sich dem unterworfen und warfen die Stehplätze
komplett raus: gepflegtes Fußballspielen ist jetzt angesagt.
Was mich auch interessiert hat, und das zeigt sich ja jetzt auch an der
Göteborg-Debatte, dass sich das Vorgehen gegen hooligans - also die
polizeilichen Kontrollmaßnahmen, die man während der letzten
Europameisterschaft mitbekommen hat - jetzt auf alle gewaltbereiten
Milieus überträgt. Die Pionierfunktion, die Faschos und hools
hatten, sind jetzt auch auf das linke Milieu und linke Aktionsformen zu
übertragen: Grenzen dichtmachen, Passkontrollen, Dateien anlegen.
Um das Thema Fußball kristallisiert sich sehr viel an neuen Politikformen.
Was steckt dahinter, dass man seit den 90er Jahren Großbauten,
die Festivalisierung von Stadtpolitik erlebt?
JB: Durch das Ende der Großindustrie - sprich die Verlagerung
der Produktion in so genannte Billiglohnländer - sind plötzlich
innerstädtische Brachen entstanden, Militärareale, Werftgelände,
Bahnanlagen, die zum Teil auch mehr Profit abwerfen, wenn man sie als
Immobilie entwickelt, anstatt zu versuchen, sie als Rest-Industrie-Areal
zu verwerten. Der Potsdamer Platz ist da sicherlich eine Spezialfall,
der war eine Brache durch Krieg und Mauer. Grundsätzlich sind im
Innern der Städte durch Restrukturierungsprozesse erstmals solch
große Areale überhaupt verfügbar geworden. So konnte die
ganze Politik der 90er Jahre - die Stärkung der Innenstadt wurde
propagiert - also auch weg von der "grünen Wiese" und hin
zur "Wiederbelebung der Innenstädte" weisen. Nur wenn man
groß baut, so die These, ist überhaupt die entsprechende Rendite
zu machen - so scheint es zumindest.
Ein kleines Beispiel: Mein Vater hat das Häuschen meiner Oma geerbt
und das Grundstück war zu klein, um eine Tiefgarage anzulegen. Da
ist mir ganz klar geworden, dass auf der Parzelle nichts mehr zu holen
ist, weil allein die Ein- und Ausfahrt für die Tiefgarage das komplette
Erdgeschoss zerstört hätte. Diese Bedürfnisse von Parken,
ab wann sich solche Geschäfte also lohnen, welche Größe
ein "Saturn"-Markt haben muss, um entsprechende KonsumentInnen-Schichten
anzuziehen, wie ein multiplex cinema organisiert sein muss - diese scheinbare
Eigendynamik fordert den Großmaßstab ein. Um überhaupt
Kundschaft anzuziehen und zu halten, muss man offensichtlich auf dieser
Ebene konkurrieren. Nur ganz wenige Projekte, beispielsweise die "Hackeschen
Höfe" in Berlin-Mitte, funktionieren anders. Zwar haben auch
sie den gleichen Effekt, sie sind aber anders gebaut worden, und sie fungieren
noch mehr im klassischeren Sinne wie Stadt.
Es ist, während ich mich im Rahmen des Buchprojekts damit beschäftig
habe, zur Standard-Annahme geworden, dass große privatwirtschaftlich
kontrollierte Terrains ein neues Phänomen seien. Da herrscht dann
oft so ein allgemeiner kulturpessimistischer Ton vor, der sich in Begriffen
wie "Amerikanisierung", "Konsumtrottel", "alles
aus Plastik" und so niederschlägt. Diese Ebene nervt mich total,
die will ich nicht. Ich schau mir solche Sachen ja durchaus selbst an,
und zwar nicht nur zu Studienzwecken, sondern weil diese Mechanismen auch
bei mir funktionieren.
In unserem Buch findet sich auch ein Text über "Christiania"
in Kopenhagen - ein vormaliges Kasernengelände, was sich anders organisiert
hat -, weil es zeigt, es ginge auch anders. Es geht also eher darum, wie
so ein Projekt organisiert wird, und welche Kräfte da zum Zuge kommen.
Die Art wie "Christiana" entwickelt worden ist, diese Zeit ist
offensichtlich nicht mehr da. Das Rad lässt sich so schnell nicht
mehr dahin drehen. Was an diese Stelle getreten ist, ist eine Stadtpolitik,
eine Stadtentwicklung, die sich nicht verabschiedet, die aber gewisse
Dinge, die sie vorher selbst gemacht hat, an die Privatwirtschaft outsourced.
Die Stadt Oberhausen ist da das beste Beispiel, weil da der damalige Stadtdirektor
und jetzige Oberbürgermeister zusammen mit der Landesregierung Nordrhein-Westfalens
an der Stadtverwaltung und dem Kommunalparlament vorbei die "Neue
Mitte Oberhausen" bis zur Entscheidungsreife durchgeboxt hat. Da
wurden zum Teil Gutachten, die normalerweise stadtintern gemacht werden,
an die Privatwirtschaft abgegeben - aus Geheimhaltungsgründen, aber
auch weil er meinte, der wahre Sachverstand läge außerhalb.
Das ging dann soweit, dass die gesamte Stadtverwaltung Oberhausen in GmbHen
umgewandelt wurde, die sich gegenseitig Rechnungen stellen können.
Die einzigen, die nicht in GmbHen umgewandelt werden konnten, weil sie
sich nicht rentierten, waren bezeichnenderweise das Altenheim und das
Stadttheater.
Also die Frage nach der Rentabilität der Stadt: wie tritt die
Stadt als ökonomischer Akteur auf und welche Effekte hat das für
den Arbeitsmarkt?
JB: Ja, diese Art des serviceorientierten, unternehmerischen Handelns
fand ich interessant auf Kosten einer wie auch immer gearteten
Innenstadtentwicklung; die ist jetzt eine ghost town, das Arbeitsamt ist
das größte kommunale Gebäude usw. Es hat also keinerlei
Arbeitsmarkteffekte gehabt. All der hype, der darum passierte die
Innenstadt wird weiterhin existieren können, ja, es werden viele
beschäftigt sein das hat sich alles nicht eingestellt.
Es ist ein neues Regierungshandeln entstanden, das sicherlich auch reagiert
auf das, was als Ende des Einflusses von Kommunalpolitik verhandelt wird.
Sie sagen, wir werden hier von Unternehmen unter Druck gesetzt, wir müssen
jetzt selbst überlegen, wie wir wieder handlungsfähig werden.
Sie erfinden neues Regierungshandeln - das, was Foucault "Gouvernementalität"
genannt hat, was ich für einen sehr hilfreichen Begriff halte. Was
nicht auf diese billige Formulierung "Der Staat wird durch das Kapital
abgelöst" abhebt. Der Staat, die Kommunalregierungen formulieren
sich neu. Das war auch der Versuch, am konkreten Beispiel Oberhausen diese
Riesenprojekte, die vielleicht eine klassische Kommunalverwaltung wirklich
überfordern würden, in einen Kontext zu stellen: Die Größe
bringt bereits eine andere Form des Sich-Organisierens mit sich.
Wie würdest Du dann Initiativen wie Quartiersmanagement darin einordnen?
JB: Das ist eine schwierige Debatte, weil sie einerseits das aufnimmt,
was mal gefordert worden ist, nämlich lokale Politik vor Ort zu debattieren
und zu diskutieren. Ganz offensichtlich gibt es zumindest ein Problem
- ohne jetzt Experte für Quartiersmanagement und deren Kritik zu
sein -, dass es eine Mangelverwaltung ist bzw. sich eher an Trikont-Selbsthilfeprojekten
orientiert, wo letztendlich auf der Ebene von Glasperlen und ein bisschen
Ermutigungsgeld operiert wird. Es ist ganz sicherlich eine Aktionsebene,
wo man Teil der Stadtverwaltung wird, so wie Leute in Gruppenarbeit Teil
des Unternehmens werden. Aber man ist dadurch nicht Eigentümer von
VW, obwohl man da Gruppenarbeit macht, und genau so entscheidet die Einzelnen
nicht wirklich über das Stadtgeschehen, nur weil sie aktiv im Quartiersmanagement
sind. Es auf jeden Fall auch so ein Teil des neuen Regierungshandeln auf
lokaler Ebene, das ganz sicher.
Ich finde auch, dass das, was Festivalisierung genannt wird, ja einerseits
die Durchsetzung von Großprojekten ist, aber andererseits ist es
auch etwas - und das funktioniert ja gerade in Berlin extrem -, dass es
die Leute per Kanzlerfest oder "Schaustellen" zur neuen Identifikation
mit der Stadt bringen soll: Sich als Stadtbürger selbst erfahren
und identifizieren. Dieses Interesse muss man auch als Teil des verwaltungsinternen
Regierungshandelns jenseits der Durchsetzung von Großprojekten sehen
-, verwaltungsintern werden Images und Events produziert, die in die Bevölkerung
hinein wirken sollen.
Literatur: Jochen Becker (Hrsg.): bignes? Size does matter. Image/Politik.
Städtisches Handeln. Kritik der unternehmerischen Stadt, b_books
Verlag, Berlin, 269 Seiten, zahlr. Abb., DM 32,-, 2001
www.bbooksz.de
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