Künstler, *1956, lebt in Amsterdam, NL

hartware
2001
Still | Life Shared Moments
2000
Sublime Force text
1998 Reservate der Sehnsucht Nòòòò, you don't understand text
1997
Short cuts Ritual 1-2 & 3 text

Shared Moment, 2001
Videoinstallation mit 3 Projektionen, Farbe, Ton, ca. 20’, Loop
Koproduktion:
hartware




Installationsansichten, hartware, 2001


Die Videoskulpturen und -installationen von Peter Bogers untersuchen seit den frühen 90er- Jahren die physische und psychische Verfasstheit des Körpers bzw. des Menschen unter den Bedingungen seiner medialen, filmischen und genauer noch seiner audio-visuellen Reproduktion. Dabei seziert er die filmische Struktur bis auf das 24stel einer Sekunde um darin Bilder und Geräusche des Körpers bzw. von Handlungen zum Vorschein zu bringen, die wir ohne technische Hilfsmittel nicht wahrzunehmen im Stande wären. In unzähligen Schnittfolgen de- und remontiert Bogers sein „Rohmaterial“ und verleiht den Dingen, die er beobachtet, damit, ganz im Gegensatz zur Videoclipästhetik, eine ungewohnte Dauer.
Die Videoinstallation „Shared Moments“ operiert mit der Montage profaner Bilder aus der Alltagswelt, basiert auf einer Vielzahl filmischer Momentaufnahmen, die mit intimer Kameraführung soziale Verhaltensmuster studieren: Personen, die in Straßencafés sitzen oder aus dem Fenster schauen, Szenen am Bahnhof, Paraglider, ein junger behinderter Mann, der gewaschen wird, ein Kind, das schläft. Die einzelnen Motive wurden dabei über mehrere Tage, Wochen oder Monate entweder an ein und demselben oder an verschiedenen Schauplätzen aufgezeichnet. Ort und Zeitraum jedes dieser Filmprotokolle wird im Untertitel – bis zur 24stel Sekunde genau – angegeben. „Shared Moments“ besteht aus drei Projektionen, wobei jede Projektion wiederum in bis zu vier Segmente aufgesplittet wird. Das heißt von den einzelnen Filmprotokollen bzw. Motivstudien – Straßencafés, Bahnhof, Paraglider etc. – werden jeweils drei, sechs oder zwölf zeitlich und räumlich voneinander getrennte Variationen parallel gezeigt. In der Gesamtschau vermittelt das gepatterte Material jedoch den Eindruck einer Simultaneität von Zeit, Raum und Handlung, die faktisch – das belegen auch die Angaben der Untertitel – nicht gegeben ist. Der Eindruck des Simultanen wird zusätzlich verstärkt, da die Bewegungen, Gesten und Handlungen der Personen über digitale Steuerungen nahezu gleichgeschaltet werden. Das heißt man sieht hier, das man eben nicht das sieht, was man zu sehen glaubt, und kann diese Lücke dennoch nicht begreifen, ähnlich, wie man zwar weiß, dass ein Film aus nur 24 Bildern pro Sekunde besteht, und man die Schnitte dennoch nicht mitdenken kann.
Die einzelnen Szenen in „Shared Moments“ spitzen sich überdies auf den immer selben „Augenblick“ zu: Den Moment, in dem die beobachteten Personen – von außen gesteuert – gleichzeitig in die Kamera schauen, das heißt den Blick des Betrachters gleichsam erwidern. Diese Augenblicke bilden quasi die Lücke in Bogers’ rigidem System, das die intimen Momente unabhängig voneinander erlebter „Wirklichkeiten“ in raum- und zeitlosen, auf den kleinsten gemeinsamen Nenner reduzierten „tableaux vivants“ fixiert. Die hierdurch zurückgenommene Intimität der Szenen wird durch die massiven, exzessiven Blickkontakte hin oder zurück zum – dann seinerseits fixierten – Betrachter verschoben. Erst hier finden die „shared moments“ als ein Austausch zwischen Bild und Betrachter statt.

Iris Dressler

Force, 1996-2000
Videoinstallation mit zwei Projektionen, s/w, Ton




„Force“ ist eine Videoinstallation, die Peter Bogers seit 1996 in immer anderer Form präsentiert. Ausgangsmotiv ist ein fragiles Kräftespiel zwischen einer Faust und einer um diese herum kreisenden, gewölbten Hand. Wechselseitig bestimmen dabei die Faust oder die Hand die Drehrichtung, jeweils ausgelöst durch ein starkes, das Bild überlagerndes Blitzlicht. Dieser Videoprojektion gegenüber steht eine weitere Projektion, die ein rotierendes Auge zeigt.
„Force“ wird in Teil 1 und 2 der Ausstellung „Sublime“ zu sehen sein, wobei in Teil 2 eine neue Videoarbeit von Bogers hinzu kommt und an die Stelle des Auges tritt: Sie zeigt die Posen eines Boxkampfes zwischen Mann und Junge (Vater und Sohn) in Slow-Motion.

Nòòòò, you don't understand, 1991

Videoinstallation mit drei Projektionen



Über drei Videoprojektionen erstreckt sich ein transparenter männlicher Körper, der sich minimal bewegt, als würde er in einem Aquarium treiben. Aus dem Off tauchen ebenso phantomhaft Geräusch- und Satzfragmente auf. Isoliert aus ihren ursprünglichen Kontexten - diversen Fernsehserien - bilden sie kryptische Dialoge, die immer wieder von kurzen Pausen, kurzen Momenten der Stille durchbrochen werden. Kein Plot, keine Handlung kommt zum Tragen, sondern ein steriles Surrogat emotionaler und emotionalisierender Bruchstückchen.
Sowohl die Sprachfetzen als auch die emotionalen Äußerungen - Lachen, Schluchzen, Stöhnen, Kreischen, Kichern - werden simultan zur akustischen Präsenz in Text übertragen und dem treibenden Körper wie ein Untertitel aufprojiziert. Dessen Bewegungen im »luftleeren Raum« werden wiederum vom Auftauchen und Verschwinden der Stimmen gesteuert. »This is your father speaking«, heißt es an einer Stelle.
Film und Fernsehen sind bekanntermaßen Projektions- und Spiegelflächen unserer eingestandenen wie uneingestandenen Sehnsüchte und Leidenschaften. Stimmen, Geräusche und Filmmusik spielen dabei eine nicht unerhebliche, jedoch subtile Rolle. In "Nòòòò, you don't understand" komprimiert Bogers die Effekte der außersprachlichen und zugleich innersprachlichen Parameter der Intonation, einer gewichtigen Metaebene von Kommunikation, die bereits Säuglinge entziffern - eben sehr wohl verstehen können. Er schafft damit Raum für eine gewisse Dramatik, der man sich als Betrachter kaum entziehen kann. Die Lethargie des passiv dahintreibenden Körpers, der nur auf »His Master's Voice« reagiert, wird an die Position des Betrachters weitergegeben. Die subtil-suggestive Kraft von Massenmedien, die unsere Stimmungslagen erheblich zu beinflussen wissen - mit nichts anderem operiert ja die Werbung - erscheint isoliert und isolierend zugleich, als machtvoller Diskurs, in den wir uns gerne hineinbegeben.

Iris Dressler


Ritual 1 -2 & 3, 1997
Videoinstallation mit 12 Monitoren, 1 Projektion, 3 Überwachnungskameras, Holzuhr

”Ritual 1-2 & 3” ist ein Konzentrat aus Bildern und Geräuschen fiktiver Gewaltszenen, wie wir sie tagtäglich vorm Fernseher serviert bekommen. Bogers hat diese ewig gleichen und sich in Sekundenschnelle abspulenden Kulminationen endloser körperlicher Miss-handlung und Hinrichtung aus Hunderten von Actionfilmen isoliert und zu Videosamplern montiert.
Die Installation besteht aus drei simultanen „Schauplätzen“. Ihr Fluchtpunkt ist eine altmodische Wanduhr, deren Rhythmus das gesamte Ensemble taktet. In der Nähe der Uhr befinden sich 12 kreisförmig am Boden und mit dem Bildschirm zur Mitte hin angeordnete Monitore. Je Monitor schieben sich die Filmstills aneinander gereihter Gewaltszenen von links nach rechts über den Schirm. Nur wenn das Bild vollständig zu sehen ist läuft die Handlung in exakt einer Sekunde ab - und dies im Uhrzeigersinn von Monitor zu Monitor mit genau einer Sekunde Verzögerung. So wandert die „Action“ im Kreis - und die Betrachter hinterher.
Jeder Erzählung enthoben, außer der des gnadenlosen Abschlachtens, entblößen sich die Litaneien von Jägern und Gejagten schließlich als sterile, schematische Handlungsan-weisungen: Ausholen, Zuschlagen, Umfallen. Entsprechend gestaltet sich die comicartige Geräuschkulisse, die ab und zu allerdings unterbrochen wird: Nur das Ticken der Uhr hat Bestand.
Auf einer Wand ist eine Videoprojektion zu sehen: Sie gibt live und abwechselnd die extrem verzerrten Bilder von drei verschiedenen Überwachungskameras wieder. Eine der Kameras befindet sich direkt über der Installation, die nächste an einem anderen Ort der Ausstellung, die dritte filmt den Eingangsbereich sowie die Straße vor dem Museumsgebäude. Jede Kamera vibriert, angetrieben durch eine Mechanik, - im Sekundentakt. Ob im Monitorkreis oder auf der Videoleinwand: Mit voyeuristischem und narzisstischem Lustgewinn wird der Betrachter in den Ablauf der Installation hineingezogen und sogleich deren rigider Rhythmik unterworfen.
Schließlich sind ein Tisch und 2 Stühle, ähnlich altmodisch wie die Uhr, in der Installation platziert. Dort kann man via Monitor und Kopfhörer ein weiteres, durch crossfades verwobenes Remix der Actionfilmwelt sehen. Auch hier dringt, trotz Kopfhörer, das Ticken der Uhr in die Geräuschkulisse des Videos ein.

Iris Dressler