Künstlerin, *1970, lebt in Paris, F

hartware
2000
Plan B

Portraits, temps réel, 1994
Videoinstallation, courtesy: Galerie Almine Rech, Paris


Installationsansicht, Plan B, Brücks Center, Dortmund, 2001, Foto: Sascha Dressler

In einer der jüngsten Arbeiten von Rebecca Bournigault, „Missed“ von 1999, scheint eine neuere Entwicklung der Videokameratechnik eine wesentliche Rolle gespielt zu haben: Jener kleine, meist seitlich ausklappbare LCD Monitor, der mittels einer einfachen Drehung nicht nur den Blick durch den Sucher überflüssig macht, sondern dem Filmenden gleichzeitig die Möglichkeit gibt, zum Darsteller zu werden, ohne dabei die Kontrolle über den Bildausschnitt zu verlieren. Eine intime Einheit aus Objektiv, Abbild, Aufgenommenen und Aufnehmenden entsteht, deren Selbstgenügsamkeit eine Stimmung von Heimlichkeit erzeugt. Rebecca Bournigault setzt ihr eigenes Close Up dabei so in Szene, als wolle sie möglichst nahe an ihr simultan auf dem LCD Screen erscheinendes Abbild gelangen. In der Videoinstallation „Missed“ werden diese Bilder mittels Projektionstechnik und räumlichem Arrangement in unerreichbare Ferne gerückt und zugleich durch extreme Monumentalität an den Betrachter herangeschoben.
Auf einen sich selbst fernen Narziss referiert auch die bereits 1994 entstandene Arbeit „Portraits temps réel“. Hier allerdings geht es nicht um die Selbstbezüglichkeit der Künstlerin, sondern um eine radikal verkürzte Relation zwischen dem Betrachter und dessen bildelektronischer Wiedergabe.
Der Ort, an dem „Portraits temps réel“ im Rahmen der Ausstellung Plan B gezeigt wird, ist ein ehemaliges Kino, das sich im Untergeschoß der in den späten 70er Jahren eröffneten Einkaufspassage „Brückscenter“ befindet. Seit zwei Jahren leer stehend, ist der vormals kleinparzellig genutzte Raum vollständig entkernt worden, so dass sich dem Betrachter heute ein Raum von ca. 20 x 24 m eröffnet. In der Mitte des Raumes befindet sich ein Stuhl, der durch zwei Lichtspots ausgeleuchtet ist. Ansonsten ist der Raum leer. Es bieten sich also kaum mehr als zwei Optionen für den Betrachter: den Raum enttäuscht zu verlassen oder Platz zu nehmen und wie im Kino, auf den Anfang des Films zu warten. Letztere Variante führt indes nicht zu weiterer Wartezeit, sondern zu einer schockartigen Gleichzeitigkeit von Platznehmen und im ”Zentrum des Films” sein. Eine im Dunkeln nicht wahrnehmbare, vor dem Stuhl aufgebaute Kamera erfasst das Gesichtsfeld des Betrachters und überträgt es direkt an einen Videoprojektor, der das Selbstporträt wiederum auf eine Leinwand von 4x6 m projiziert. Im Moment des Platznehmens begegnet man in der scheinbaren Leere des Raumes seinem überdimensionalen Selbstbildnis, das zugleich das Close Up von jemand anderes zu sein scheint: Ein Selbstbild, das sich dem Betrachter in seiner Monumentalität und direkten Konfrontation unerbittlich aufdrängt und im selben Augenblick der Gegenüberstellung in eine unerreichbare Ferne rückt. Ein Selbstbild, das zudem mit jeder Abweichung vom Erfassungswinkel der Kameraoptik wieder zu verschwinden droht. Hans D. Christ