Filmemacher, *1962 in Belgien, lebt in Leipzig

hartware
2001
new ideas – old tricks

The Path of Time, 1994
B, Video (16mm), Farbe, Ton, 10', Produktion: Inti Films

Verleih: d.net.sales, Berlin




Peter Brosens’ kurzer Dokumentarfilm „The Path of Time“ wurde in Canar, einer kargen Gegend in den Ecuadorianischen Anden gedreht. Die Kamera schwenkt zunächst entlang einer öden, trostlosen Berglandschaft und eines trüben, weiten Himmels. Alles wirkt Grau in Grau, man scheint wahrhaftig das Ende der Welt erreicht zu haben. Schließlich rückt eine Gruppe einheimischer Männer in das Bild, die gemeinsam singen und musizieren. Der Älteste unter ihnen trinkt dabei unablässig und ganz offenbar zu viel, beginnt zu schreien, zu lallen, zu heulen. Für einen fast unerträglichen Moment lang sieht man ihm dabei im Close-Up zu. Dann schwenkt die Kamera wieder auf die jüngeren Musiker, Kinder laufen durchs Bild und ein Hund, der mehrmals die selbe Bilddiagonale durchquert. Insgesamt wirkt der Film sehr flächig, ist kaum eine Raumtiefe darin wahrzunehmen, fast könnte man den Eindruck gewinnen, die ganzen Szene sei in einem Studio gedreht worden.
Während der alte Mann weiter schreit, fällt der Blick auf eine Frau, die am Eingang einer Hütte lehnt sowie auf eine weitere Frau, die auf dem Boden im Freien sitzt. Beide scheinen sie ungerührt von dem Vorfall zu sein. Der alte Mann, den die Kamera noch einmal fokussiert, fällt schließlich zu Boden, nach einiger Zeit eilen die jungen Männer herbei, um seinen Kopf zu bedecken. Dann spielen sie weiter Musik, die Kamera schwenkt wieder auf das Ausgangsmotiv.
Die tragische Szene, die Brosens hier dokumentierte, erschließt sich dem westlichen Be-trachter in keinster Weise. Es handelt sich um eine ritualisierte Form des Umgangs mit den toten Ahnen und mit dem eigenen Tod. Der gewohnte ethnografische Blick auf „fremde Kulturen“, der diese so gern auf spirituelle Naturreligion und farbenprächtige Rituale festschreibt, läuft hier, obwohl ein Ritus gezeigt wird, ins Leere. Auch die vermeintliche Neutralität und Authentizität dieses Blicks wird in Frage gestellt, da Brosens’ Film einer strengen Bildkomposition folgt, die das Geschehen artifiziell, mitunter bühnenhaft und gestellt wirken lässt.


Iris Dressler