Künstler, *1961, lebt in Brüssel

hartware
1998
Reservate der Sehnsucht

Intérieur II-V
Videoinstallation mit 4 Projektionen, Farbe, Ton


Installationsansicht, Reservate, Unionbrauerei, Dortmund, 1998, Foto: Christoph Irrgang

Seit der Aufklärung gilt die Natur als kultiviert und suggeriert in ihrer Inventarisierung ein geordnetes System. Zoologische Gärten stellen das Animalisch-Fremde als domestizierte Natur zur Schau und akkumulieren ferne Welten in den heimischen Gehegen, in denen das Wilde zum Exotischen eingeebnet wird. Das Haustier befriedigt ein ganz ähnliches Verlangen - die Sehnsucht nach einer der menschlichen Umgebung angepassten Natur, die in ihrer wesenhaften Differenz dennoch die Zivilisation bereichert. Marie José Burki gibt dieser gezähmten Natur jedoch ihre irritierende Andersheit wieder zurück, wenn sie sie in distanzierter, aber auch hypertropher Weise präsentiert.
»Intérieur II-IV« zeigt vier großformatige Projektionen je eines Vogels in seinem Käfig, die so an die Wände des Ausstellungsraums geworfen sind, das sie auch den Betrachter in eine Käfigsituation versetzen. Die Aufnahmen der Vögel sind kein dokumentarischer Film über das Tierleben, keine ornithologische Studie, sondern zeigen isolierte Wesen, die gefangen sind in repetitiven Bewegungsfolgen. Monoton springen die kleinen Vögel zwischen zwei Stangen hin und her, ihrem eigenen Impuls folgend. Das dabei entstehende Geräusch ist so re-ediert und verstärkt, dass es einen speziellen Rhythmus generiert, der die Monotonie auf akustischer Ebene noch intensiviert. Dieser »unnatürliche«, unpro-portional laute Ton, der die in ihren Käfigen gefangenen Tiere begleitet, verhindert zugleich, dass die Raumsituation zum simulierten zoologischen Display gerät. Da er der Bewegung innerhalb der beengten Raumsituation einen abstrakt strukturellen Wert verleiht, vergrößert er die Distanz des Zuschauers zu den Vögeln, die plötzlich eigenartig fremd erscheinen. Denn das, was in sicherer Distanz zum Schau- und Studienobjekt geworden ist, attackiert jetzt den Zuschauer durch seine obsessive Wiederholungsstruktur. Die Wesen, die Burki zeigt, sind enervierend in ihrem pausenlosen Gehüpfe und dem damit verbundenen Lärm.
Alfred Hitchcocks berühmter Film "The Birds" basiert auf der katastrophischen Vorstellung, scheinbar harmlose Vögel könnten sich in animalische Bestien verwandeln, die ohne ersichtlichen Grund über den Menschen herfallen. Auch in Burkis Videoinstallation ist das »Natürliche« als das Unschuldige aus dem Tierleben verschwunden. Die gezähmte Natur hat sich hier jedoch nicht in den Feind der Kultur verwandelt, vielmehr erscheint das Verhältnis von »Natur« und »Kultur« grundlegend in Frage gestellt. Was Burki interessiert, ist nicht die ideelle Gegensätzlichkeit der beiden Sphären, sondern ihre radikale Anders-artigkeit, die sich von jeder Klassifizierung und Zuordnung dispensiert. Die Beziehung des Menschen zum Tier verrät insofern viel über den Menschen und seine Sehnsucht nach einer in der Kultur aufgehobenen Natur, nichts jedoch über das Tier, das seine Andersheit immer bewahrt. Vanessa Joan Müller