Künstler, *1965, lebt in New York, USA

hartware
2002
Blind Dates. Berichte von der Nachrichtenfront , The Last News
1998
Reservate der Sehnsucht , Apokalyptische Reisen, text


The Last News, 2002
von Christoph Draeger, Reynold Reynolds, Gary Breslin
USA 2002, DVD, 13’ (eng.); D: Guy Richard Smit
Courtesy: Galerie Müller de Chiara, Berlin
siehe:
http://bbs.thing.net



Unter dem Label eines bekannten Nachrichtenmonopols treibt „The Last News“ die Jagd der privaten Sender nach dem ultimativ Katastrophischen, nach der befürchtet-ersehnten Apokalypse live, die immer schon von Hollywood vorweggenommen wird, auf eine kaum noch zu überbietende Spitze.

Apokalytische Reisen, 1994/98
Fotoserie, je 34 x 50cm



Christoph Draegers Fotografien sind in ihrer ambivalenten Inszenierung geprägt von der Faszination des Katastrophischen. Seit fünf Jahren beschäftigt sich Draeger mit der medialen Bilderflut und omnipräsenten Berichterstattung von den Orten des Schreckens, heftet sich an die Spuren der telegen aufbereiteten Tragödien und besucht die Orte der Bombenanschläge, der Naturkatastrophen, der Unfälle und Explosionen: das Heysel-Stadion in Brüssel (Einsturz der Tribüne, 1985), Homestead in Florida (Wirbelsturm, 1992) oder die Pont de l'Alma in Paris, jene Unterführung, in der Prinzessin Diana 1997 bei einem Autounfall ums Leben kam. Dennoch liefern seine wie eine filmische Totale komponierten Fotografien keine visuelle Bilanzierung des Geschehens. Die "Apokalyptischen Reisen" zeigen die andere Seite der domestizierten Natur, die Katastrophe, zu einem Zeitpunkt, als sie bereits wieder die Form des kontrollierten Tableaus angenommen hat. Präsent ist das, was die Fotografie als scheinbares Dokument sichtbarer Wirklichkeit nicht mehr dokumentieren kann, jedoch in dem als Bildunterschrift figurierenden Text: eine sachliche Beschreibung des vergangenen Geschehens mit Auflistung der Schäden und Anzahl der Todesopfer. Durch diese bewusste Inkongruenz von Bild und Text wird das visuell Abwesende anwesend. Allerdings nicht das zurückliegende Ereignis selbst, sondern die in der Ästhetik des Medialen fixierte Katastrophe als feste Größe im kollektiven Bildergedächtnis, die bereits die Nennung von Daten und Fakten zu evozieren vermag. Oft sind es schon die Orte, die zu Metonymie des desaströsen Geschehen geworden sind - Harrisburg, Ramstein, Tschernobyl.
Durch die Bilderflut vermeintlich authentischer Abbildungen ist eine Realität zweiten Grades entstanden, eine mediatisierte Wirklichkeit, in der nur als wirklich gilt, was nach den Regeln der medialen Repräsentation inszeniert wird. Durch die Diskrepanz von Bild und Text, Gegenwart und Vergangenheit, die aus Draegers verspäteter Besichtung der Schauplätze berühmter Katastrophen resultiert, wird deutlich, wie schnell sich die Realität von den Surrogaten ihrer Aufbereitung überblenden lässt. Die Reiseziele Draegers sind banale, fast idyllische Orte, Postkartenbilder aus einer intakten Welt, denen sich der Mythos des vergangenen und erfolgreich aus der Welt geschaffenen Desasters eingeschrieben hat. Jetzt sind sie Sehenswürdigkeiten, an denen es eigentlich gar nichts Sehenswertes gibt. Doch unsichtbar neben dem pittoresken Motiv steht die Katastrophenphantasie, das imaginierte Szenario der Zerstörung, das aus der Distanz des Betrachtens zum willkommenen Spektakel wird. Die Katastrophen, deren Orte zum Ziel der "Apokalytischen Reise" werden, haben sich ereignet, und doch bleiben sie auf visueller Ebene virtuell. Das macht diese Reisebilder in der Tat apokalyptisch, denn die Katastrophe lauert offensichtlich überall.
Vanessa Joan Müller