Filmemacher, *1944, lebt in Berlin, D
www.farocki-film.de

hartware
2002
Blind Dates. Berichte von der Nachrichtenfront, Eye/Mashine
2001
new ideas – old tricks , Nicht löschbares Feuer, text


Eye/Mashine, 2001
D 2001, S-VHS, 25’
auch als Doppelprojektion



„Eye/Mashine“ setzt an den abstrakten Bildern, die der Golfkrieg lieferte, an: jenem Krieg, der sich nicht primär durch neue Waffen, sondern durch eine neue Bildpolitik auszeichnete, einem Krieg, dessen „authentischen“ und simulierten Bilder nicht mehr zu unterscheiden waren. Von dieser neuen Qualität der Kriegsführung ausgehend, fragt Farocki auch nach den Wechselwirkungen zwischen militärischen und zivilen Technologien der Bildgenerierung.


Nicht löschbares Feuer, 1969
Video (16mm), s/w, 1:1,37, 25 min.
Erstsendung: 27.07.69, West 3





„Wem nützt es, wem schadet es?"

Wie leicht lässt sich aus den Konstruktionselementen eines Staubsaugers ein Maschinengewehr machen, und umgekehrt aus jenen des Maschinegewehrs ein Staubsauger? Mit dieser Frage schließt Harun Farockis Film „Nicht löschbares Feuer“ von 1969. Nur der Ingenieur kennt die Antwort: Es komme einzig und allein auf ihn, die Arbeiter und die Studenten an, ob am Ende der Produktionskette Haushaltsgeräte oder Waffen herauskommen. Und er weiß, dass er gut daran tut, die Arbeiter in dem Glauben zu belassen, sie würden Staubsauger herstellen, und es die Studenten besser wissen zu lassen, sie würden in Wahrheit Maschinengewehre produzieren. Am Ende gehen beide „leer“ aus…

Zwischen parolenhaftem Agitprop und ästhetischer Stilisierung, historischem Found-Footage und fiktiven Spielszenen geht „Nicht löschbares Feuer“ den „zivilen“ Grundlagen der Produktion von Massenvernichtungswaffen wie Napalm und „Agent Orange“ nach. Es geht, wie in vielen weiteren Filmen Farockis, um die Verquickungen der Interessen zwischen Wissenschaft, Industrie, technologischem Fortschritt und Militär. Und es geht um eine Kritik an den modernen Produktionsabläufen, die zum einen auf der Ausbeutung von Arbeitskräften beruhen und zum anderen in viele Einzelsegmente aufgeteilt sind, so dass im Zweifelsfalle niemand verantwortlich gemacht werden kann.

„Nicht löschbares Feuer“ wurde mit einem 10mm-Objektiv gedreht, wodurch kaum eine räumliche Tiefenwirkung entsteht. Die auf Brecht verweisende SchauspielerInnenführung, die plakativ gestellt wirkenden Szenen und Handlungen verhandeln das Thema bewusst scherenschnittartig. Was der Film zu sagen hat, sagt er ohne Schnörkel und Umwege, sondern mit politischer Klarheit sowie mit einer gewissen Aggressivität: Gleich zu Beginn des Filmes drückt sich einer der Protagonisten (Farocki selbst), nachdem er mit monotoner Stimme die Zeugenaussage eines Vietnamesen über einen Napalm-Angriff vorgelesen hat, eine Zigarette auf seinem eigenen Arm aus. Der Film findet damit ein radikales Bild für die kaum zu vermittelnde Grausamkeit von Napalm, und demonstriert zugleich, dass dieses Bild unzureichend ist: „Wir können Ihnen nur eine schwache Vorstellung davon geben, wie Napalm wirkt“, denn, so erklärt eine Stimme aus dem OFF, eine Zigarette brennt mit etwa 500° Celsius, Napalm dagegen mit 4000° Celsius.

Napalm, ein als Kampfstoff entwickeltes, hochexplosives Gemisch, erzeugt bei seiner Verbrennung nicht nur eine extreme Hitze, sondern insbesondere ein Feuer, das nicht löschbar ist. Durch seine besondere Haftfähigkeit wird Napalm für Flächenbrände eingesetzt. Es lässt sich auch nicht von der Haut entfernen. 200.000 Tonnen dieses Kampfstoffes wurden mit verheerenden Folgen während des Vietnamkrieges von us-amerikanischen Bombern abgeworfen. „Wenn wir Ihnen Bilder von Napalmverletzungen zeigen, werden Sie die Augen schließen. Sie werden Ihre Augen vor den Bildern verschließen, dann werden Sie Ihre Augen vor der Erinnerung verschließen, dann werden Sie Ihre Augen vor den Tatsachen verschließen.“

„Agent Orange“, ursprünglich als ziviles Unkrautvertilgungsmittel entwickelt, kam ebenfalls während des Vietnam-Krieges im großen Stil zum Einsatz: als flächendeckendes Entlaubungsmittel und zur Erntevernichtung. Dieser Kampfstoff hat ganze Landstriche mit Dioxin verseucht, das bekanntlich noch heute wirksam ist.

Eine der Tatsachen, von denen „Nicht löschbares Feuer“ nicht möchte, dass wir die Augen davor verschließen, betrifft das us-amerikanische Unternehmen „Dow Chemical“, das während des Vietnamkrieges seine Produktion von Klarsichtfolien für den Haushalt herunterfuhr, um Napalm und „Agent Orange“ in gigantischem Ausmaß liefern zu können. Bei der Herstellung von „Agent Orange“ kam es bei „Dow Chemical“ übrigens zu Engpässen, die von dem deutschen Chemieunternehmen Ernst Boehringer mit größtem Einsatz und noch größerer Freude kompensiert wurden, konnte es hierdurch doch satte Gewinne erzielen. Dem Aufsichtsrat stand damals kein geringerer als Richard von Weizäcker vor.

Nachdem Bilder von Napalmverletzten in den US-Medien aufgetaucht waren – Fernsehbilder, die auch in „Nicht löschbares Feuer“ aufgegriffen werden –, kam es zum kurzfristigen Boykott einiger Aktionäre von „Dow Chemical“. Heute ist „Dow Chemical“ der weltweit größte Chemiekonzern, entsorgt seine giftigen Abfälle unter anderem illegal in Kambodscha (!) und produziert bei Bedarf noch immer Napalm.

„Nicht löschbares Feuer“ ist trotz – oder wegen? – seiner offensichtlichen Verwurzelung in der Sprache und Ästhetik der 68er Generation ein Film von hoher aktueller Relevanz. So hat beispielsweise die amerikanische Filmemacherin Jill Godmillow den Film 1997 aus Begeisterung für dessen politischer Klarheit und formaler Radikalität unter dem Titel „What Farocki taught“ nachgedreht.

Innerhalb der Ausstellung „new ideas – old tricks“ zeigte insbesondere
Daniel García Andújars Softwarearbeit „phoney“ von 1999, die sich völlig anderer künstlerischer Strategien und ästhetischer Formensprachen als „Nicht löschbares Feuer“ bedient, dass die zwiespältige Frage nach den ethisch-moralischen Grenzen der Anwendung von Technologien, Wissen und Know-How nach wie vor von großer politischer und künstlerischer Brisanz ist.

Iris Dressler