Künstler; *1949, lebt in Vancouver

hartware
1998
Reservate der Sehnsucht

Vexation Island, 1997
Videoinstallation, courtesy: Lisson Gallery, London

Der Künstler als gestrandeter Held – "Vexation Island" ist ein 8-minütiger Film, der als Endlosschleife projiziert wird und die ewige Wiederkehr des Gleichen als Abfolge neurotischer Wiederholungshandlungen inszeniert. Der für den Kanadischen Pavillon der Biennale di Venezia 1997 konzipierte Film zeigt einen Mann im Kostüm des 18. Jahrhunderts - Rodney Graham -, der bewusstlos am Strand einer tropischen Insel liegt. Neben ihm auf einem angespülten Fass hockt ein Papagei. Als die Kamera am Körper des Mannes entlangfährt, ist eine Wunde auf seiner Stirn zu erkennen. Der Papagei kreischt, der Mann erwacht, steht auf und beginnt, eine Palme zu schütteln. Von einer Kokosnuss am Kopf getroffen, fällt er kurz darauf wieder bewusstlos zu Boden, und mit einer Totale der einsamen Insel beginnt der Film von vorn.
In signifikantem Kontrast zu dieser relativ simplen narrativen Struktur steht der produktionstechnische Aufwand, mit dem sie inszeniert ist – "Vexation Island" wurde mit umfangreichem Produktionsteam auf 35 mm in Technicolor und Cinemascope am »Originalschauplatz« einer der Virgin Islands gedreht. Die Kameraführung folgt klassischer Suspense-Dramaturgie, die Palme erscheint in bedrohlicher Untersicht, die Kokosnuss sucht sich in Zeitlupe ihr Ziel. Erst durch das aufwendige "mise en scène" und die Montage, den Wechsel von Plansequenz und Panoramablick, Close-Up und langsamer Kamerafahrt setzt das Südsee-Szenario jedoch sein komplexes Feld aus sich überlagernden Konnotationen frei. Einerseits operiert der Film bewusst zeichenhaft mit bekannten Topoi - dem Kostümfilm, Urlaubsromantik, Exotismus, paradiesisch einsamen Stränden in perfekter Werbefilmästhetik. Andererseits erhalten die Bilder in ihrem Rekurs auf tradierte visuelle Topographien aber auch eine kulturelle Überdetermination, die sie in den Kontext kulturkritischer Diskurse rückt: der Schlaf der Vernunft oder aber das Erwachen des modernen Bewusstseins, die kolonialistische Besetzung fremder Länder, das Konstrukt der unberührten Natur als ideeller Gegenentwurf zum okzidentalen Unbehagen an der Kultur.
In dieser semantischen Verschränkung der Zeichenebenen erweist sich Grahams Film insbesondere als ironischer Gegenentwurf zu Daniel Defoes Roman Robinson Crusoe, der mit seinem philantropischen Idealismus und optimistischen Glauben an die Perfektibilität des Individuums das Abenteuerepos fest in den Paradigmen der englischen Aufklärung verankert. Bei Graham ist der Künstler kein pragmatischer Held, vielmehr gefangen in einer neurotischen Wiederholungshandlung, die jede Erinnerung an die Kausalität von Ohnmacht und Erwachen verdrängt. Eine Bewältigung des Traumas durch "erinnern, wiederholen, durcharbeiten" scheint ausgeschlossen. Der Titel - Insel der Plage, der Qual - erhebt die aus der redundanten Struktur resultierende Sisyphusarbeit vielmehr zum programmatischen Ausdruck moderner Disposition. Während Defoes Robinson in streng rationaler Argumentation das Pro und Contra seiner Lage analysiert und in seinem pragmatisch-utilitaristischen Denken allem eine positive Seite abgewinnen kann ("Schlimm: Ich bin auf eine schreckliche einsame Insel verschlagen, ohne Hoffnung auf Erlösung. - Gut: Aber ich bin am Leben, ich bin nicht wie alle meine Gefährten ertrunken"), bleibt dem Bewohner der "Vexation Island" allein die negative Seite der Bilanz, denn die Momente des Bewußtseins innerhalb der regressiven Endlosschleife sind kurz.
Vanessa Müller