Künstlerinnen
Marina Thies, * 1965, lebt in Dortmund / Christina Dilger, * 1963, lebt in Münster

hartware
1998
Reservate der Sehnsucht

Paradis – on exit go loop, 1998
interaktive CD ROM


War in früheren Zeiten das Paradies der Inbegriff sämtlicher jenseitiger Lebensbe-strebungen, so ist das Paradies heute in unserem alltäglichen Umfeld durch die inflationäre Verwendung auf diversen Werbeverpackungen zwar dauerhaft präsent, verkommt in seinem Sinngehalt doch eher zu einer modebezogenen, werbebestimmten Scheinwelt. Bestmöglich gestylt und auf die vermeintlichen Träume eines Durchschnitts-konsumenten zugeschnitten, avanciert es zum Neckermann-Kleinstglück; in Form von Cremes oder Säften kann man es sogar essen und trinken.
Doch wo liegt das Paradies tatsächlich? Liegt es im Diesseits oder erwartet es uns post mortem, und wir sind dazu verdammt, uns bis in die Ewigkeit über dieselben Sachen zu freuen? On exit go loop?
ipfo, das 1997 gegründete Institut für Paradiesforschung, möchte einen individuellen Bezug zum Paradiesbegriff herstellen, und ihm seine ursprüngliche Bedeutung vom »perfekten Zustand«, sei er prä- oder postmortal, wiederverleihen.
ipfo führt eine internationale Untersuchung zu zeitgenössischen Paradiesvorstellungen durch und entwickelte zu diesem Zweck einen ausführlichen Fragebogen (Einsendungen bis Dezember 1999). Aus dem bisherigen Rücklauf ermittelte ipfo sieben unterschiedliche Paradiestypen: angefangen beim christlich geprägten »Garten Eden« über eine arkadische »Landschaft aus Licht« bis hin zu der diesseitigen Vorstellung einer »Galaxie glücklicher Augenblicke«. Diese ersten Untersuchungsergebnisse werden auf der interaktiven CD "Paradise, on exit go loop" illustriert.
Ipfo arbeitet interdisziplinär und sucht den Austausch mit anderen Fakultäten. So äußert sich auf der CD ein Psychologe über die Funktionsweise des glücklichen Augenblicks, ein Philosoph über die Bedeutung des Paradieses in der Philosophie, ein Raumplaner und Utopist zu Gesellschaftsutopien.
Aus der Wechselwirkung der spielerischen Auseinandersetzung mit fremden und der Entwicklung eigener Paradiesvorstellungen holt ipfo das Paradies aus der Verpackung zurück ins Bewusstsein und wirkt so seinem Missbrauch entgegen. Das Projekt ist als Langzeitstudie angelegt; weitere Zwischenergebnisse werden folgen.
Marina Thies und Christina Dilger