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Künstler,
*1961, lebt in Hamburg
hartware
1997 Short
Cuts
link text
1998 Reservate
der Sehnsucht
Tangabucht
Tangabucht,
1998
Fotoinstallation, s/w und Farbe
Die konzeptionelle
Auseinandersetzung mit Räumen, deren Gestaltung und Wahr-nehmung,
beschäftigt Christoph Irrgang seit Jahren. Nach raumbezogenen Installationen
in Galerien und an öffentlichen Orten (etwa mit einer Camera Obscura
oder mit Projektionen) hat er sich dem Thema scheinbar ganz konventionell
mit fotografischer Dokumentation genähert.
Die Arbeit "Tangabucht" entstand im Rahmen eines Workshops zur
Dokumentarischen Fotografie, der am thematischen Beispiel einer Stadtteilbeobachtung
unter anderem die Aktualität bzw. Hinfälligkeit der Abbildfunktion
von Fotografie zur Diskussion stellte.
Irrgang suchte sich ein Wohngebiet in einem Essener Stadtteil aus und
bildete Straßen-ecken und seltsam undefinierte Orte ab, an denen
Bewohner bzw. Städteplaner gestalterische Spuren hinterlassen haben.
Ein abgezirkelt eingefriedetes Bäumchen verweist auf Ordnungsliebe
im Schönheitssinn; Recycling-Container bilden eine Art bedeutungsvollen
Treffpunkt; Häuser liegen in Anlagen, im Schutz von Rasen, Hecken,
Tannen. Sporadisch auftauchende Menschen erscheinen ohne besondere Bedeutung
dem jeweiligen Raum untergeordnet. Außenräume sind foto-grafiert
wie Innenräume, die Wohnsiedlung wird ein Teil des privaten Terrains.
Die Motive könnten banaler kaum sein - im Übermaß vertraut
allen Bewohnern vergleich-barer Ortschaften.
Im vorliegenden Fall verweist der Titel der Arbeit auf ein merkwürdiges
Zusammenspiel der Banalität des Nah-Vertrauten einer Wohnsiedlung
bzw. »Kolonie« und des Fremden, der »wirklichen«
Kolonien. Einige der Straßen in dieser Siedlung sind seit 1938 nach
ehe-maligen deutschen Kolonien benannt: Kamerunstraße, Samoastraße
und Tangabucht, sogar Karl-Peters-Straße - ein Name, der Eingeweihte
an einen wegen besonderer Grausamkeit bekannten Kolonialisten erinnert.
Wenn man diese Informationen hat, schlägt das Harmlos-Vertraute ins
Doppelbödig-Biedermännische um, kommt Erinnerung an Unterdrückung
ins Spiel, von der die ordentlich-normale Oberfläche zunächst
nichts erkennen lässt - oder der sie womöglich gar ihre Existenz
verdankt.
Für Irrgang sind diese Motive Anlass für Experimente mit dem
Medium. Er variiert Material, Format und Farbe, um die Veränderung
der Aussage zu überprüfen und dem Betrachter bewusst zu machen.
Die Fotografien wirken in der Ausstellung nicht als Einzelbilder in einem
»Leseband«, sondern sind zu einem Gesamtbild zusammengestellt,
das einen Kontext gegenseitiger Erläuterungen liefert, außerdem
zu verschiedenen Blicken nötigt durch die erforderliche Variation
des Betrachtungsabstands.
Irrgang möchte auf diese Weise eine aktive Rezeption herausfordern
- über die Beschäftigung mit der Frage, was ein dokumentarisches
Foto ausmacht, bis zu welchem Punkt seine genauen Abbildungsqualitäten
reichen, wo es sich vom referentiellen Bezug zur Wirklichkeit löst
und zum autonomen Kunstobjekt wird.
Dr. Sigrid Schneider
Fotoarchiv Ruhrlandmuseum Essen
link,
1997
Diainstallation
ein raum mit drei zugängen und drei gleichen
wänden, weiß. darin drei projektions-apparate, grau, auf säulen,
weiß. einer wirft fotografierte ansichten vom weiblichen körper,
schwarz/weiß vor schwarz auf weiß, und der zweite schriftbilder,
körperwörter, weiß auf weiß, frontal auf die jeweils
gegenüberliegende wand. der dritte liefert das vorgeworfene als kommentar
und in form von zitierungen ohne bestimmte form farbig auf weiß,
schwarz-weiß auf weiß und weiß auf weiß. schwarz
auf weiß schließlich der katalogbeitrag.
in der mitte des raumes eine folie, durchsichtig, klar, glänzend,
mehr oberfläche als material. durch bloße luftbewegungen des
besuchskörpers angetrieben, läßt sie spiegelungen, reflektionen,
der projizierten ansichten, begriffe und zitate über die rechteckigen
wände des dreieckigen raumes gleiten. überlagerungen der ansichten,
begriffe und zitate sind flüchtig da. die körper der besucher
werfen schatten.
die technik von zufallsschaltungen übernimmt die steuerung und koordination
der drei projektionsapparate. außer dem nicht monotonen geräusch
des motivwechsels in den gerätschaften fehlt jeglicher klang.
die bildmotive sind alle hochformatig und im gleichen maßstab bei
wechselnder perspektive aufgenommen; der rahmen erscheint selten als ganzer.
die wörter erscheinen rahmenlos; wie gewöhnlich sind sie querformatig.
ihre perspektive mutet immer gleich an, bei wechselnden größen
dessen, was dargestellt ist. die kommentarebene, mit ihren farben und
angeführten wiedergaben, hält sich an keine gestaltete beschränkung.
beim sprechen entsteht die sprache, mal in konkurrenz zur notwendigen
atmung, mal als begleitende ursache, im körper. von den bildern hört
man oft, daß sie bereits im kopf seien. ist das ideal der einheit
von körper, geist und seele nicht ein ideologisches,
damit der mensch sich zu recht in schönheit über das tier erheben
darf? geben die gedanken ruhe, so scheint das ideal erreicht zu sein.
meistens geben die gedanken ruhe, wenn die physis keine andere möglichkeit
zuläßt. die tiefe der empfindung dieser lage schafft dann erinnerung.
und die erinnerung schafft den raum zur verklärung. werde ich von
den ideen angetrieben, oder sind die ideen bloße objekte meines
getrieben-seins? sind die gedanken im paradies der völligen harmonie
bedeutungslos? ist das paradies ein geschichtliches oder ist es ein objekt
zeitloser sehnsucht? positives denken als ausweg aus dem dämmer
der idioten? ragt an dieser frage die gesellschaft in mein privatleben
oder ist es lediglich allen anderen eine freude, ihr positives denken
vorzeigbar zu gestalten? kann ich meine vorstellungen in die gesellschaft
projizieren, oder wirft die gesellschaft ihr bild auf mich? denken ist
arbeit. manchmal entfernen sich die gedanken und bilder und empfindungen
so weit vom kopf, daß es ein raumschiff braucht, um sie zurückzurufen.
lügen wir nicht immer, wenn wir nicht sagen, daß wir hunger
haben?
Christoph Irrgang
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