|
Künstlerin,
1964, lebt in Lyon, F
hartware
2000 Plan
B
Sans
titre (Les Fumeurs), 1998
Serie mit 12 Farbfotografien, je 50 x 75 cm, courtesy:
FRAC Collection Aquitaine
Jugendkult
und Fitnessdogma haben es mit sich gebracht, dass rauchen nicht nur mega-out,
sondern geradezu ein Verbrechen ist. Der Körper hat privat wie öffentlich
als eine Festung der Wellness, Reinheit und Gesundheit zu erstrahlen.
Krankheit und Dinge, die krank machen dagegen, sind ein Vergehen nicht
nur am eigenen Körper, sondern am gesamten Volkskörper. Rauchen
verboten, jenes elfte Gebot, mit dem kollektiv stigmatisiert werden
soll, wer sich den Regeln der Volkshygiene widersetzt, wird zur omnipräsenten
Überschrift öffentlicher Räume. Und er, der Schwächling,
der von seinem teuren und tödlichen Glimmstengel nicht loskommen
will, muss zur Strafe bei Wind und Wetter vor die Tür treten, damit
nicht nur die Raumluft nicht verpestet wird, sondern auch alle öffentlich
sehen können, dass er und sein delinquentes Verhalten unerwünscht
sind. Eine öffentliche Ausgrenzungs- und Ahndungswut fordert ihren
Raum, die sich dabei noch auf pädagogische Absichten berufen darf.
Valérie Jouves Fotoserie zeigt jene Ausgestoßenen, die im
öffentlichen Raum nur als Angeprangerte geduldet werden: Angestellte,
die in ihrer Mittagspause vor die Tür gesetzt werden, um sich hinter
einer Säule versteckt, heimlich Eine anzustecken. Man sieht es ihnen
an, dass rauchen auf diese Weise keinen Spaß macht, aber das darf
es ja auch nicht, jedenfalls nicht öffentlich. Ganz im Gegenteil,
ihre öffentliche Präsenz als Ausgewiesene soll zugleich demonstrieren
wie tief man sinken kann, als Raucher.
Die Serie Les fumeurs (Die Raucher) erscheint zunächst
ungewöhnlich im Hinblick auf andere Fotografien von Valérie
Jouve, die einzelne, und im Gegensatz zu den eher beiläufigen
Figuren der Raucher, extrem präsente Personen in öffentlichen
Räumen zeigen.
Sans
titre, nr. 20 (Marie), 1994/96
Farbfotografie, 110 x 150cm, courtesy: FRAC Ile
de France (Abb.: Ausschnitt)
Sans
titre nr. 20 (Marie) zeigt beispielsweise eine bunt gekleidete,
schwarze Frau vor dem Schaufenster eines Autohauses, in dem sich das urbane
Umfeld spiegelt. Die glatten, sterilen Oberflächen des Hintergrundes
stehen im starken Kontrast zu der krassen Emotionalität der Frau,
die sich vor Freude kaum halten kann. Eine Szene, die zwar durch ihre
ungeheure Kraft besticht, jedoch zugleich zutiefst inszeniert wirkt.
Sans
titre, nr. 18 (André), 1995
Farbfotografie, courtesy:
Galerie Anne de Villepoix, Paris
Sans
titre, nr. 12 (Bruno), 1994/95
Farbfotografie, 80 x 60cm, courtesy: Galerie Anne
de Villepoix, Paris
Ebenso das Porträt von André,
dessen übertriebene Geste der Niedergeschlagenheit nicht so recht
in dem alltäglichen Umfeld, vor dem er posiert, aufzugehen vermag.
In beiden Bildern scheinen Figur und Umfeld auseinanderzubrechen. Posen,
zu denen die falsche Kulisse gewählt wurde oder umgekehrt. Vielleicht
deshalb, weil wir diese Form von Emotionalität dem Kino zuschreiben,
während man sich in der Öffentlichkeit an dezentere Umgangsformen
hält. Rauchen, hemmungslose Freude oder hemmungsloses Deprimiertsein
erscheinen deplaziert in öffentlichen Situationen. Hier wirken geschrieben
und ungeschriebene Gesetze, die den persönlichen Auftritt organisieren
und manchmal sogar lachen oder weinen im großen Maßstab einfordern.
Öffentliche Trauer ist z.B. dann schicklich, wenn der mediale Anlass
ihn gebietet, also z.B. wenn edle Prinzessinnen zu Grabe getragen werden.
Demonstrative Freude bedarf der Medienereignisse vom Kaliber Mauerfall
oder Love Parade. Der aus dem Nichts kommende und keinem ersichtlichen
Ereignis folgende Schrei von Bruno dagegen verhallt in seiner
Selbstbezüglichkeit, die der Betrachter ihm zuschreibt. Eine Anrufung,
die befremdet, da sie weder die Botschaft noch den Empfänger ausweist.
Reduziert man die von Valerie Jouve in der Ausstellung Plan B
gezeigten Arbeiten auf den simplen Nenner Individuum und Gesellschaft
oder Privat und Öffentlich, so gelangt man möglicher
Weise zu einem alten Lied, dessen Problematiken, Widersprüche
und besonders dessen subtile Gewalt sich allerdings kaum in den Gesängen
des Light-Life-Styles aufheben lassen.
Iris Dressler
|