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Filmemacher,
*1965, lebt in Berlin
hartware
2001 new
ideas - old tricks
Das
Himmler-Projekt,
2000
Digi-Beta, Farbe, Ton, 182', D: Manfred Zapatka
Verleih: Pantera Film GmbH, Berlin, T: 030 - 88 62 76 77, F: 030 - 88
62 76 78

Speech has become as it were, immortal (1)
In den meisten Film- und Fernsehproduktionen, die sich mit dem Dritten
Reich befassen, hat sich ein stereotypes Bild der Nazischergen
festgesetzt: Brüllende, wild gestikulierende und auf den Tisch hauende
Gestalten, die das r auf übertriebene Weise einem Donner
gleich rollen, ausstaffiert mit Orden und Abzeichen wie stolze Pfauen.
Sie wirken nur mehr als Karikaturen ihrer selbst, auf ungewollte Weise
komisch und allen voran dem hier und jetzt um Lichtjahre entrückt.
Mit diesem notorischen Beharren auf den Bösen Deutschen
als albernen Deppen glaubt man, sich die Bösen
Geister vom Hals zu schaffen. Man bescheinigt den Akteuren gleichsam
Unzurechnungsfähigkeit und verleugnet den durch und durch
bürokratischen, tödlichen Apparat, den sie sehr wohl und mit
großem strategischem Geschick im Stande waren, zu planen und umzusetzen
(2).
Romuald Karmakars Film Das Himmler-Projekt macht es uns nicht
so einfach. Er hat eine Rede für uns ausgegraben, deren
ungeheuerliche Rhetorik er uns zwingt über drei Stunden lang Wort
für Wort zu folgen. Es geht um jene Rede, die der Reichsführer
SS, Heinrich Himmler, 1943 auf einem konspirativen Treffen in Posen in
Gegenwart von 92 SS-Generälen also der Elite des
Deutschen Volkes hielt. Im Vorspann werden einige Hintergründe
dieses Treffens erläutert, dann erscheint der Schauspieler Manfred
Zapatka auf der Bühne und wird diese bis zum Schluss
des Filmes nicht mehr verlassen, da er die gesamte Rede Himmlers rezitiert.
Zapatka befindet sich in einem engen Fernsehstudio, liest von einem Rednerpult
aus, er trägt Alltagskleidung von heute: Rollkragenpullover und Sakko.
Seine Stimme ist bis zum Schluss unaufgeregt nüchtern, fast monoton.
Verspricht er sich, dann beginnt er den Absatz (3)
ungerührt noch einmal von vorne.
Mit dem buchhalterischen Duktus eines Geschäftsberichtes zieht Himmlers
Rede Bilanz: Es geht um den Kriegsverlauf, vor allem um die zwar unangenehmen,
aber leider nicht von der Hand zu weisenden russischen Kampferfolge. Dabei
macht Himmler aus seiner Bewunderung für Stalin und die Offiziere
der Roten Arme ebenso wenig einen Hehl, wie aus seiner Verwunderung über
die Zähheit der von ihm als minderwertig verhassten Slawen. Nebenbei
rechnet er nüchtern auf, dass es ihm beim Bau von Panzergräben
nicht interessiere, ob dabei 10.000 russische Weiber draufgehen,
sondern ausschließlich, dass der Graben fertig werde.
Als Himmler seine Rede in Posen hält ist die Schlacht um Stalingrad
bereits verloren, ist der glorreiche Sieg des Deutschen Volkes über
die gesamte Welt in weite Ferne gerückt und die Moral der Truppen
samt ihrer Vorsteher an ihrem Tiefpunkt angelangt. Himmler hat seinen
Stab antreten lassen (4),
um den Kameraden zwar einen realistischen Blick auf die Lage
der Nation einzugestehen, ihnen aber zugleich mit Durchhalteparolen und
Zukunftsszenarien das angeknackste Rückgrat zu stärken. Akribisch
rechnet er seinen Gefolgsleuten die Übermacht der russischen Truppen
vor, die, so echauffiert er sich heuchlerisch, ja schließlich
auch ihre Kinder an die Front schicken nur um daraus qua Naturgesetz
zu folgern, dass auf Erden nichts unendlich sei und somit auch der Russe
nicht. Himmler möchte die Kameraden allerdings auch an ihre nachlassenden
Tugenden erinnern und übermittelt noch während der Rede einigen
der Generäle ihre Beförderung, anderen ihre Degradierung.
Himmlers Posen-Rede ist jedoch nicht nur ein Durchhaltepos, mit dem die
SS-Elite bei der Stange gehalten werden sollte, sondern auch Bekenntnis
und Legitimationsversuch gegenüber begangenen Verbrechen. Auf eine
bis dahin ungekannte Weise spricht Himmler offen über Einzelheiten
der Judenvernichtung, ein Grund weshalb seine Rede, die von einem Tonbandgerät
vollständig aufgezeichnet und dann auf einer Wachsplatte verewigt
worden ist, seit 1947 in Form eines Transkripts im Dokumentenanhang der
Nürnberger Prozessakten zu finden ist. (5)
Zapatka ist während seines gesamten Vortrags allein, nur manchmal
glaubt man aus dem OFF den Regisseur zu hören. Zapatkas Gesicht ist
fast immer frontal und aus direkter Nähe zu sehen, durchbrochen von
einigen wenigen Seitenaufnahmen. Man kann dem Redner und der Rede also
kaum entkommen. Die Generäle sind in Form von Untertiteln eingespielt,
wenn zum Beispiel Heiterkeit im Saal angezeigt wird. Einmal,
und das ziemlich am Anfang des Filmes, verlässt Zapatka die Rednerbühne,
um vor der Kulisse des Aufnahmesets einen längeren Zwischenfall,
der sich auf dem Treffen in Posen ereignet hat, wiederzugeben: Himmler
beunruhigen einige Geräusche, die vom Küchenpersonal herrühren.
Ob denn sicher sei, dass die nicht lauschen können, fragt er in die
Runde. Schließlich müssen Matratzen herbeigeschleppt werden
um den Kaminschacht zu verstopfen. Erst als Himmler sicher ist, dass nichts
von dem, was innerhalb der vier Wänden des Veranstaltungssaales gesprochen
wird, nach außen dringen kann, führt er seine Rede fort und
Zapatka kann an sein Pult zurückkehren. Auch er ist in seinem schalldichten
Fernsehstudio von der Außenwelt abgeschirmt. Mit der Verdopplung
dieses Zwischenfalls verschränkt Karmakar nicht nur punktuell
die historische mit der filmischen Situation, sondern schafft von Anfang
an eine deutliche Atmosphäre der Suspendiertheit des Szenarios. Das
bedeutet auch: Man wird dieser Rede nicht entkommen.
Von dem agitatorischen Pathos, mit dem Himmler seine Posener Rede streckenweise
untermauerte, ist in Zapatkas Rezitation nichts zu spüren. Der Schauspieler
vermeidet jegliche Identifizierung mit und Identifizierbarkeit als Himmler.
Aus dieser Distanz heraus ist Zapatka zunächst noch als der smarte
Patriarch eines modernen Wirtschaftskonzerns lesbar, der seinen Mitarbeitern
mal jovial, mal bestimmt, jedoch immer sachlich die Leviten liest. Ganz
der Typ, der auch mal unter uns gesagt ausspricht, was er
ganz persönlich von den Dingen hält, nur um im nächsten
Augenblick das für alle gültige Gesetz zu verkünden, das
keine Widerworte duldet. Zunehmend fällt es beim Zuhören und
Zuschauen jedoch schwer, die Dinge auseinander zu halten. Wenn Zapatka
etwa über die Kontrolle des gesamten öffentlichen Lebens, über
die ethnische Neuordnung Europas oder darüber spricht, wie anständig
man bei der systematischen Judenvernichtung geblieben sei, gerät
man ins Schleudern über die Frage, wer da eigentlich spricht.
Zapatka spricht eine Sprache, die vertraut klingt, die wir verstehen,
die so schrecklich alltäglich und plausibel klingt, dass man seinen
Ohren nicht trauen möchte, wenn man Satz um Satz zu begreifen beginnt,
was er da eigentlich sagt. Dennoch besteht nie der geringste Zweifel daran,
dass es nicht Zapatka ist, der hier spricht, dass es nicht seine Worte
sind, die er hier vorträgt. Da wir aber ganz allein mit ihm sind,
gelingt es auch nur schwer, seine Rede auf eine andere, eine imaginäre
dritte Person, auf einen Herrn Himmler zu übertragen, da einerseits
Zapatka eben nicht das Stereotyp des Nazis, so wie wir es kennen, reproduziert,
und uns andererseits aber auch kein anderes Bild von Himmler,
von den Tätern des Dritten Reiches, zu Verfügung steht. Das
unheimliche und verstörende am Himmler-Projekt ist nicht
nur das, was diese ungeheuerliche Rede, von der uns nichts ablenkt und
der wir quasi schutzlos ausgeliefert werden, sagt, sondern auch die Suspendiertheit
dieser Rede, ihre Ortlosigkeit, ihre Körperlosigkeit, ihr geisterhaftes
vagabundieren. Die Rede, die hier ausgegraben wird, dringt
durch Zapatka hindurch zu uns wie ein Wiedergänger, ein Untoter,
den wir nicht mehr loswerden, den wir uns nicht so leicht vom Hals schaffen
können.
Iris Dressler
(1) aus einem Artikel des Scientific
American über Edisons Phonographen, zitiert nach Friedrich
Kittler, Draculas Vermächtnis. Technische Schriften, Leipzig, 1993,
S. 11
(2) Dass Bürokratie, in der perfektionierten Reinform
der Nazis sich zwangsläufig selbst vernichten musste, steht auf einem
anderen Blatt.
(3) An einer Stelle, an der er hängen bleibt, ist
Zapatka kurz davor, aufzugeben. 
(4) Karmakar hat mit Hilfe von wissenschaftlichen Beratern
als Vorbereitung für den Film die Situation des Posener Treffens
recherchiert. Es war mir wichtig herauszufinden, wer genau
bei
dieser Rede anwesend war und wie der Tagesablauf aussah. Über Peter
Witte, der
mit anderen Historikern den Dienstkalender Heinrich Himmlers
herausgegeben hat, konnte ich rekonstruieren, dass alle Gruppen- und Obergruppenführer
Anwesenheitspflicht hatten: dass sie bis 15 Uhr in Posen eintreffen mussten,
dass sie nicht mit ihren Adjutanten und dem eigenen Wagen fahren durften,
sondern vom Bahnhof abgeholt und ins Hotel Ostland gebracht wurden. Himmlers
Rede begann um 17 Uhr, danach gab es ein Abendessen und am Tag darauf
konnte, wer wollte, noch Einzelgespräche führen. R. K.
in: Nicht so betroffen. Interview von Michael Omasta in: Falter, 12/00,
Wien, S. 6
(5) Karmakars bzw. Zapatkas Text hält sich allerdings
an die Audioaufzeichnungen, da das offizielle Transkript nicht immer exakt
dem Tondokument folgt.
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