Künstler, *1947, lebt in Montreuil, F

hartware
2000
Plan B

Une vie de rêve, 1998 – 2000
Installation mit zwei Schaufensterpuppen;
Koproduktion: hartware

Weithin sichtbar sind zwei Schaufenster in der Königswall Passage mit dem Slogan „Une vie de rêve“ überschrieben. „Ein Leben wie im Traum“ oder „Ein traumhaftes Leben“ also, doch die Verheißung steht - wie auch immer - in eigenartigem Kontrast zu dem visualisierten Körper- und Menschenbild innerhalb der Vitrinen.
Umgeben von der spröden Atmosphäre der Unterführung, rekurriert der Dekor der beiden Schaufenster, auf die extravaganten Präsentationscodes luxuriöser Auslagen beliebiger moderner Shoppingmeilen. In dem schwarz ausgeschlagenen Interieur der beiden Schaukästen stehen die auffallend edlen Modelle einer männlichen und einer weiblichen Schaufensterpuppe, getrennt voneinander, auf je einem drehbaren Podest. Während sie langsam um ihre eigene Achse kreisen, hebt ein auf diese idealen Stellvertreter gerichteter Spott die künstlichen Körper aus dem dunklen Grund der Vitrine und an ihrer nackten Oberfläche zeigen sich Objekte, deren sachliches Design aus transparentem Kunststoff zwischen erotischem Fetisch und medizinischem Gerät changiert: Plastikschläuche, Gurte, Mundstücke, Atemmasken, Röhrchen, sind als Prothesen an den menschlichen Körper, als ihre Passform, angeschlossen. Die kühle Ästhetik der Accessoires kontrastiert die intimen Stoffe, die sie auffangen, transportieren, umleiten könnten: Schweiß, die Kondensflüssigkeit des Atems, Speichel, Blut, Urin, Kot. Der assoziierter Gebrauch macht den eigenen „anderen“ Körper in subtiler und zugleich schockierender Weise sichtbar. Nicht alleine der Kontrast zum antiseptischen Körperideal einer „öffentlichen Kultur“, deren ästhetischem Wertesystem die Werbeindustrie soufliert, sondern vor allem auch der utopische Existenzentwurf eines autonomen Körpers, der sich zum absoluten Kosmos schließt, wird in beiden Grundmodellen vorgeführt: Adam und Eva eines technologischen Zeitalters, deren Bedingungen neue Identitäten produzieren; zwei hedonistische Egomane, die die Erfahrung des Anderen nach Innen stülpen und zum hermetischen Kreislauf mutieren, der jegliche „Infektionen“ physischer oder psychischer Natur verhindert. Damit schreibt sich Lallemands Körpermodel in den öffentlichen Raum ein, ohne jedoch auf dessen urbane und soziale Realität übertragbar zu sein, da es den Begriff des „Sozialen“ und dessen Netz aus Beziehungen und Abhängigkeiten in der Vorstellung eines hermetischen Universums zu überwinden versucht. In seinem Gegenbild provoziert „Une vie de rêve“ eine jeweils aktuelle Definition der flexiblen Grenzen zwischen öffentlichem und privatem Körper. Und der Körper des Betrachters steht dabei der Inszenierung seines künstlichen Doubles als ein nicht weniger kulturell konstruiertes Artefakt gegenüber.
Diana Ebster


Installationsansicht, Plan B, Königswall Passage, Dortmund, 2000
Foto: Sascha Dressler