Künstler, *1966, lebt in Kopenhagen

hartware
1998
Reservate der Sehnsucht

Pink Space, 1995
Videoinstallation, Präsentation variabel, courtesy: Galerie Nicolai Wallner, Kopenhagen



Peter Land lotet in seinen Videos Extrembereiche von Exhibitionismus und Voyeurismus aus. Seine Probanden sind er selbst und sein Publikum. Beide werden mit der Frage konfrontiert, wie weit Entblößung und Schaulust gehen können, und zwar sowohl in ihrer Über- wie Unterforderung. Land stürzt sich dabei (und er stürzt in der Tat sehr häufig) auf Versager-Klischees, aus denen er langsam aber sicher das ganz persönliche Drama entwickelt, das Drama der permanenten Aufschiebung, das auch den Betrachter betrifft.
Ausgestattet mit blauem Glitzerjacket und Fliege tritt Land in "Pink Space" beispielsweise als Entertainer auf: Eine karge Bühne, der Spot dreht auf, die ersten Takte des obligatorischen Bar-Jazz setzen ein und Land steuert samt Jim Beam-Flasche auf den wartenden Barhocker zu. Prompt fällt er bei dem Versuch, den Hocker zu besteigen, von eben diesem herunter. Er fängt also noch einmal ganz von vorne an: Leere Bühne, Spot, Musik; er kommt herein, da ist der Barhocker, doch bevor er auch nur »Guten Abend« sagen kann, liegt er schon wieder am Boden. Das Scheitern des Unterhaltungskünstlers, man ahnt es, wiederholt sich gnadenlos, ohne dass wir auch nur einen Schritt weiterkommen. Und selbst der Sturz, der ja der eigentliche Gag sein könnte, wirkt, wenn es denn so wäre, derart plump und albern, dass es sich hier nur um einen »schlechten Witz« handeln kann.
Zunächst mag man noch höflich-distanziert über das notorische Missgeschick lachen. Spätestens beim fünften Versuch wird das Spektakel dann fast langweilig: Man weiß ja, was passieren wird, mal abgesehen von der Frage, zu welcher Seite er das nächste Mal kippt, ob das Polster des Barhockers erneut in Mitleidenschaft gezogen wird oder diesmal nicht, und ob die (aus unerklärlichen Gründen noch immer heile) Flasche wieder ein bisschen leerer geworden ist. Man möchte dem Versager schließlich einen Tritt versetzen, da es kaum zu ertragen ist, wie sich jemand in aller Öffentlichkeit derart lächerlich machen kann. Denn an irgendeinem Punkt kippt der schadenfrohe Voyeurismus in die drohende Gewissheit um, dass man selbst nur allzu schnell in selbige Position geraten könnte. Gelächter ist auch eine Form von Abwehr, eine spontane Ab/Reaktion auf Situationen, die einen identifikatorischen Übergriff darstellen. Man muss über Abnormes lachen können oder es erschlagen, um sich seiner permanent bedrohten Normalität zu vergewissern.
Iris Dressler

Double Diamond, 1994
Video, courtesy: Galerie Nicolai Wallner, Kopenhagen


Mit einem großen Tabu der erfolgsorientierten Gesellschaft sieht man sich auch in "Double Diamond" konfrontiert: der Einsamkeit. Wir befinden uns in einer schäbigen Kneipe. Der gesamte Film reiht ganze sechs Einstellungen dieses trostlosen Interieurs aneinander, die endlos wiederholt werden: eine Tischkante, eine Lampe, ein Stück Wand, die Ecke mit dem Spielautomaten namens Double Diamond, der Thekenbereich und die andere Ecke mit dem Billardtisch; das alles in bester Landscher Homemovie Qualität. Die Raumausschnitte sind so gut wie menschenleer; nur eine Einstellung wird von einem Angetrunkenen durchquert, der sich nicht so recht entscheiden kann, ob und wie er vor der Kamera posieren möchte, noch, was er von der ganzen Situation halten soll. Wie ein ersehnter Störfaktor bricht er in die hermetische Situation ein, doch durch sein immer gleiches, zwangsläufiges Auftreten wird auch er schließlich vom eintönigen »Nichts passiert« aufgesogen.
Mit der Wiederholung der Bilder, die jeden Winkel des Raumes abzutasten scheinen und dennoch nur Fragmente liefern, verengt sich der Raum zu einem Vakuum. Der Betrachter wird in diese zirkuläre Enge eingespannt, aus der heraus er nur noch Wände anstarrt. Dazu ist das gesamte Repertoire einer Juke-Box zu hören; Songs, die vor Liebe, Lust und Leidenschaft nur so strotzen - ganz im Gegensatz zur vorhandenen Situation. Unerbittlich wird ein Song nach dem anderen vom Anfang bis zum Ende gespielt. Die klare Kontinuität hier macht die Stagnation des lethargisch vor sich hin Starrenden umso bedrückender. Geräusche und Gesprächsfetzen aus dem Umfeld sind wahrnehmbar. Da auch sie sich außerhalb unseres Blickfeldes ereignen, scheinen sie ebenfalls aus einer anderen Welt zu stammen.
Iris Dressler