Künstlerin, *1971, lebt in Köln, D
http://www.bildangelegenheiten.de
http://www.archivalien.de

hartware
2002 nicht weit von der wirklichkeit entfernt, Position I und II; Border Patrol, text
2001
Stipendiumdes Landes NRW für Medienkünstlerinnen aus NRW
2001 new ideas - old tricks PLAN text
2001
Tagung: art.net.dortmund.de statement text
2000 Sublime Landschaft text


Position I und II, 2001
66 Computerprints
Neuproduktion in Zusammenarbeit mit dem hartware medien kunst verein und dem Ministerium für Stadtentwicklung, Wohnen, Kultur und Sport des Landes NRW im Rahmen des NRW Medienkunststipendiums 2001






unten: Installationsansicht, hartware, 2002, Foto: Sascha Dressler


Bettina Lockemann zeigt in der Ausstellung zwei Arbeiten, die im Rahmen ihres Medienkunststipendiums des Landes NRW entstanden sind: Die Videoinstallation „Border Patrol“ sowie das Buchprojekt „Position I und II“, das hier in Form von 66 Computerprints präsentiert wird.
„Position I und II“ basiert auf den Webcambildern einer Kreuzfahrt, die durch eine fest an der Schiffsbrücke montierten Kamera tagtäglich aufgenommen und im Internet publiziert wurden. Zugleich lieferte die Website mittels Satellitentechnik und an hand von Kartenausschnitten den exakten Ort, an dem sich das Schiff jeweils befand, sowie dessen Bewegungsverlauf: Die Fahrtrichtung wird durch eine gelbe Linie, die Position des Schiffs durch einen violetten Punkt markiert. Letzterer befindet sich übrigens stets in der Bildmitte, als würde nicht das Schiff sich bewegen, sondern die Welt unter ihm. Auch die Webcambilder selbst vermitteln den Eindruck, als stünde das Schiff still und als ziehe stattdessen das Meer an ihm vorbei.
In jeweils 33 Bildern werden die fotografischen und kartografischen Aufnahmen einander gegenübergestellt, wobei jegliche textliche Informationen aus den Karten entfernt wurden, so dass eine topografische Zuweisung weitgehend unmöglich ist: Denn die gelbe Linie mit violettem Punkt verliert sich größten Teils im „Nichts“ des blauen Hintergrunds und nur manchmal verrät die Silhouette des Festlandes vage, wo das Schiff her kommen oder hin wollen könnte. Die fotografischen Aufnahmen wiederum, die immer nur das Bug im Wasser zeigen, lassen lediglich einen Rückschluss auf die Wetterverhältnisse zu.
Zwei höchst unterschiedliche Visualisierungsstrategien, die Fotografie und die Kartografie, deren Gemeinsamkeit darin bestünde, Orientierung zu bieten, werden durchkreuzt und ihrer Aussagekraft enthoben. Indem zusätzlich die Webcam- und Satellitenbilder als Computerprints gezeigt werden, verlieren sie ihre Referenz auf die Direktübertragung, das heißt die Illusion, der Betrachter könne hier etwas live beobachten.

Border Patrol, 2001

Videoinstallation mit drei Projektionen
Neuproduktion in Zusammenarbeit mit dem hartware medien kunst verein und dem Ministerium für Stadtentwicklung, Wohnen, Kultur und Sport des Landes NRW im Rahmen des NRW Medienkunststipendiums









1999 und 2000 wurde das ehemalige „Bannmeilengesetz“ der BRD umgeschrieben in das „Gesetz über befriedete Bezirke für Verfassungsorgane des Bundes“. Hatte das Bannmeilengesetz zum Beispiel die Demonstration an bestimmten Orten generell untersagt, so gilt dies im neuen Gesetz nur in bestimmten Fällen. Es betrifft die Gebäude des Bundestages und Bundesrates in Berlin sowie das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe. Die vormals wie heute unsichtbaren Grenzen sind dabei nicht nur in ihrer Wirksamkeit, sondern zum Teil auch topografisch (von Bonn nach Berlin) verschobene worden, ein Prozess, der direkt mit dem Öffnen der Grenzen zwischen Ost und West verknüpft ist, der bekanntlich neue und wiederum unsichtbare Grenzen hervorgebracht hat. In ihrer Videoinstallation „Border Patrol“ setzt sich Bettina Lockemann mit diesen, sich in ihrer An- und Abwesenheit durchkreuzenden Grenzen auseinander. Die Installation besteht aus drei parallel laufenden, jedoch nicht auf einen Blick zu erfassenden Videoprojektionen, in denen die Kamera einer Frau folgt, welche die neuen, zugleich definierten wie verschobenen „Bannmeilen“ in Berlin und Karlsruhe abschreitet. Ähnlich wie der Schiffsbug in „Position I und II“ hat man dabei den Eindruck, das die Frau sich nicht selbst fortbewegt, sondern das Umfeld – urbane „Niemandsorte“ (Berlin) oder ein unspezifisches Innenstadtgebiet (Karlsruhe) – an ihr vorbeizieht, da die Kamera stets den selben Abstand zu ihr hält. Die Bilder verraten weder, wo sich die Frau exakt befindet, noch welche genaue Bedeutung die Wege, die sie abschreitet, haben. Da die Kamera ihr allerdings konstant folgt, wird ihr Gang dennoch mit Bedeutsamkeit aufgeladen. Sie markiert im Abschreiten etwas, das zwar angedeutet wird sich jedoch zugleich seiner Erfassbarkeit entzieht.

PLAN , 1999

In Zusammenarbeit mit
Elisabeth Neudörfl
Buchprojekt und Installation
: Tisch, Stadtplan von Berlin


„Die zwei großen traumatischen Ereignisse ‚Holocaust’ und ‚Gulag’ sind“, so schreibt Slavoj Zizek, „die exemplarischen Fälle für die Wiederkehr der Toten im 20. Jahrhundert. Die Schatten ihrer Opfer werden so lange fortfahren, uns als ‚lebende Tote’ zu verfolgen, bis wir ihnen ein anständiges Begräbnis bereiten, indem wir diese Traumata in unsere Geschichte integrieren.“
(1)

Wie schwierig ein „anständiges Begräbnis“ der Traumata des Dritten Reiches nach wie vor ist, zeigt die über zehn Jahre währende, kontroverse Debatte um das Holocaust-Denkmal in Berlin, mit dem nichts geringeres als eine zentrale Gedenkstätte für die in Europa ermordeten Juden errichtet werden soll. Und es ist höchst fragwürdig, ob dieses Monument dazu beiträgt, die Verbrechen des Nationalsozialismus in die deutsche, die europäische bzw. die Geschichte der „westlichen Zivilisation“ zu integrieren. In einer Kampagne zur Einwerbung von Spendengeldern für den Bau des Berliner Denkmals tauchte zeitweise der Slogan „Der Holocaust hat nicht stattgefunden“ auf, was damals für breite Empörung sorgte. Selbstverständlich war dieser Slogan ironisch gemeint und wurde im Kleingedruckten zurechtgerückt, doch die Kampagne musste rasch eingestellt werden, da sie von Vielen als geschmacklos erachtet worden war. Interessant erscheint an diesem Vorfall allerdings die Frage, ob mit dem Slogan nicht ein Grundproblem, ein Grunddilemma von Gedenkstätten und somit ein ganz anderer „Skandal“ unbeabsichtigt ausposaunt worden war: Dass nämlich ein zentrales Monument, das die so schwer greif- und begreifbaren Verbrechen an einem Ort bannen möchte, diese zugleich aufhebt und als eine Geschichte, die sämtliche Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens durchdrungen hat – und weiterhin durchdringt –, zu verleugnen hilft. Wird, um es überspitzt zu fragen, das Holocaust-Denkmal nicht letztendlich eine Stätte sein, die der Bestätigung dient, dass der Holocaust in seinen alltäglichen Strukturen nicht stattgefunden hat?

Die Buchpublikation und Installation PLAN von Bettina Lockemann und Elisabeth Neudörfl ist 1996 – zunächst als Fotoprojekt – vor dem Hintergrund der Debatten um das Berliner Holocaust-Denkmal entstanden. Anders als das geplante Denkmal, fokussiert PLAN nicht die Opfer, sondern die Täter des Nationalsozialismus bzw. deren Tatorte. An Stelle einer symbolischen Verortung des gesamten „Grauens“ geht es den Künstlerinnen um einen dezentralen Blick auf dessen lokale Verankerung.

Blättert man durch das Buch so findet man zunächst einmal nichts weiter, als eine Fülle nüchterner s/w Fotografien auf denen Häuserfassaden, Hinterhöfe, Industrieanlagen, Straßen, Gestrüpp, Baracken und dergleichen zu sehen sind. Es handelt sich mehr oder weniger um die typischen Randzonen und Nicht-Orte moderner Großstädte, die sich hier in ihrer ganzen Tristesse, ihrem unspektakulären Grau in Grau präsentieren. Nie erkennt man, worauf es den Fotografien, dem Blick durch die Kamera jeweils ankommt, was uns diese vielen Bilder eigentlich zeigen, worauf sie hinweisen möchten. Und doch scheint es um etwas zu gehen, werden die Fotografien trotz ihrer Nichtigkeit exponiert, da sie immer auf die rechten Buchseiten platziert wurden, während die linken Seiten weiß bleiben.

Am Ende des Buches stößt man schließlich auf eine Liste mit Angaben wie „Kroll Oper, Versammlungsort des Reichstages nach dem Reichstagsbrand“, „Wasserturm, wildes KZ“, „Euthanasiezentrale“, „Jüdisches Altersheim, Sammellager für Deportationen“ oder „Synagoge, Sammellager für Jüdischen Besitz“. Zusammengetragen sind hier Orte und Adressen in Berlin, die den Nazis als Schalt- und Verwaltungsstellen dienten: Deportationsbahnhöfe, Stätten der Zwangsarbeit, Orte, die mit der Ausgrenzung der Sinti und Roma in Zusammenhang standen, der „Dienstsitz Reichsführer SS“, also Heinrich Himmlers. Die Fotos, ohne das der Text noch darauf hinzuweisen bräuchte, beziehen sich also auf Austragungsorte und den bürokratischen Apparat der Nationalsozialisten. Blättert man nun zurück oder beginnt das Buch von vorne, so sieht man die Bilder in einem völlig neuen Licht. Ihre Harmlosigkeit, Unschuld, Banalität und Alltäglichkeit weicht der Vorstellung dessen, was dort passiert sein könnte. Das Buch hat keine Seitenzahlen, und auch die Ortsangaben im Index sind nicht durchnummeriert. Auf dem Stadtplan, der in der Nähe des Buches aufgehängt ist, sind die entsprechenden Orte zwar durch einen roten Punkt markiert, doch auch hier ist keine Legende zu finden, mit der man die Orte den Bildern zuordnen könnte. Auf dem Stadtplan fällt allerdings auf, dass sich die dichteste Ansammlung roter Punkte am und im Umfeld des Potsdamer Platz – dem unumstrittenen High-Tech-Symbol des „Neuen Berlin“ – befindet…

Man bleibt jedenfalls – trotz aller Informiertheit – weiterhin hilflos bei der Zuordnung, Einordnung und Interpretation der Bilder. Aber was wüsste man schon, wenn sich eine Häuserfassade als „Jüdisches Krankenhaus, Sammellager für Deportationen“ oder als Büro des „Sicherheitsdienstes der SS“ herausstellte. Man könnte noch so lange auf die Häuserfassade starren und fände doch nicht heraus, hinter welchem Fenster sich ein Drama ereignet hat oder der Tod von Tausenden Menschen beschlossen wurde. Vielleicht stand dort damals auch ein ganz anderes Haus, das längst abgerissen oder bombardiert worden ist? Und wenn jemand auf das Bild zeigen würde, auf ein bestimmtes Fenster und sagen würde dort, genau dort wurde der Befehl x erteilt oder die Folterung an Person y vollstreckt? Man würde faktisch immer noch nur ein harmloses Fenster sehen, auf das man seine Vorstellungen projizierte, die wiederum von anderen Bildern herrühren: Bilder von Leichenbergen, Filmdokumentationen von Naziaufmärschen, Spielfilmszenen von Massenerschießungen… Bilder, die selten das Alltägliche, die Routine des Naziapparates zeigen.

Das Buch befindet sich auf einem Tisch mit einer Glasplatte. Unter der Glasplatte sind flächenfüllend weitere Buchexemplare ausgelegt, von denen wir nur das graue Cover sehen, in das der Titel PLAN eingeprägt ist – grau in grau. Es geht in PLAN also nicht nur um den Verweis auf die vielen, über die ganze Stadt verstreuten Tatorte des Dritten Reiches, sondern auch um das Verschwinden der Bedeutung dieser Orte im öffentlichen Bewusstsein sowie um die Bilderlosigkeit gegenüber dem bürokratischen Alltagsgeschäft der Nazis, die sich wie ein unantastbares Siegel der Verschwiegenheit darüber legt. PLAN verweist im Titel ganz explizit darauf, dass es hier, neben weißen Flecken auf der Landkarte, auch um eine Fokussierung auf das Dritte Reich als ein bürokratisches System geht, um Schreibtischtäter und deren Planungsgewalten. In „Draculas Vermächtnis“ schreibt Friedrich Kittler: „Stokers Dracula ist gar kein Vampyrroman, sondern das Sachbuch unserer Bürokratisierung. Auch sie einen Horrorroman zu nennen steht jedem frei.“
(2)

Iris Dressler


(1) Slavoj Zizek, Liebe Dein Symptom wie Dich selbst. Jacques Lacans Psychoanalyse und die Medien, Berlin, 1991, S. 105/106

(2) Friedrich Kittler, Draculas Vermächtnis. Technische Schriften, Leipzig, 1993, S. 43

Statement (Tagung art.net.dortmund)

Netzkunst hat es schwer. Sie ist permanenten Störungen ausgesetzt, die von verschiedenen Seiten her ihre Rezeption erschweren. Einerseits sind die technischen Bedingungen anfällig für Störungen, die Leitungen sind langsam oder der Computer stürzt ab. Andererseits befinden sich die ReziepientInnen in Privat- oder Büroräumen, sie müssen die Störungen des Alltags abwehren, um sich der Netzkunstrezeption zu widmen.
Netzkunst konkurriert mit vielen anderen Medienerzeugnissen um die Aufmerksamkeit der Betrachter. Es stellen sich Fragen nach den Möglichkeiten, wie sich Netzkunst von anderen Angeboten unterscheidet.
Welche Möglichkeiten gibt es für die Präsentation von Netzkunst? Wie können die Kompetenzen der Betrachter eingesetzt werden? Da eine pauschale Beantwortung dieser Frage unmöglich ist, können Betrachtungen in diese Richtung versuchen, das Problemfeld durch Annäherung zu umreißen.

mehr unter:
http://art.net.dortmund.de/ger/per/lock3_fr.html


Landschaft, 1999
Videoprojektion, s/w, ohne Ton, Loop





Bettina Lockemanns Video beruht auf s/w Fotografien karger Landschaften, welche die Künstlerin aus dem fahrenden Zug, quer durch die Rocky Mountains, geschossen hat. Der Transfer vom Medium Fotografie zum Medium Video folgt konsequent der Monotonie der Bilder: Eins nach dem anderen schieben sie sich von rechts nach links langsam über die schwarze Bildfläche