Künstler, *1970, lebt in Paris, F

hartware
2000
Plan B

A Visage Humain, 1997
Videoprojektion


Installationsansicht, Plan B, Brückstraße, Dortmund, 2000
Foto: Sascha Dressler


Knapp 50 Jahre nachdem George Orwell in seinem Roman „1984“ das Horrorszenario einer totalen staatlichen Überwachung zeichnet, lassen nicht zuletzt die mediengläubigen Tele-Visionen des Privatfernsehens das Motiv eines „Big brother is watching you“ wieder auferstehen. Doch während die Orwellsche Anklageschrift gegen totalitäre Denk- und Lebensformen ihr klares Feindbild noch im Staat findet, haben sich die Machtverhältnisse nach dessen Überwindung längst zugunsten der Massenmedien, der Werbe- Lifestile- und Imageindustrie verschoben. Weniger lebensbedrohlich wird die totale Überwachung im Gewand ihrer kommerziellen Verniedlichung zur Trendforschung, die politische Infiltration zur Promotion und die soziale Kontrolle zeigt ein freundlicheres Antlitz im Schönheits- und Jugendwahn, im unausweichlichen Image- und Identitätskult und im scheinbar amüsanten Konsumzwang.
Mit subtiler Ironie thematisiert der Künstler Nicolas Moulin diese Übersetzungen eines Orwellschen „Big Brother is watching you“ in der heutigen Medienkultur.
Wenn Moulin in „A Visage Humain“ großformatige Projektionen konturloser Videoportraits auf eine nächtliche Häuserwand spielt, platziert er diesen Ausnahmezustand weithin sichtbar. Die verheißungsvolle Ankündigung einer Hommage an das menschliche Antlitz füllt er mit uniformen Portraits von Personen nahezu unbestimmbaren Alters und Geschlechts. Als immergleiches Frame zeigt die Serie belebter Videobüsten eine Mannschaft von Außerirdischen, deren androgyne Erscheinungen, jeweils mit Glatze und unbewegter Mimik, vor neutralem Hintergrund strahlt. Moulins künstliches Team stellt einen eigenartigen Kontakt zu seinem Umfeld her, wird zum mysteriösen Überwachungspersonal, das mit seinen wandernden Blicken die Situation der Brückstraße kontrolliert. In irritierender Weise streift die Projektion den Passanten und lässt ihn zum Schuldigen werden - die Regeln jedoch bleiben geheim.

Entente Cordiale, 1996
CD, Intervention im öffentlichen Raum
Koproduktion:
hartware


Nur knapp einen Kilometer entfernt, im CineStar, wird zur selben Zeit die Soundinstallation „Entente Cordial“ zum unauffälligen Bestandteil des akustischen Ambientes der Kinobesucher. Ohne besonders gekennzeichnet zu sein, speist das immaterielle Kunstwerk seine vier Slogans immer wieder in die über Lautsprecher gesendeten allgemeinen Besucherinformationen des Kinos ein. „Im freundlichen Einvernehmen“ hört man zusammenhanglose Sätze wie „Um den Frieden zu wahren und meinen Wohlstand zu vermehren, spare ich mir unter allen Umständen eine eigene Meinung“. Das Werk reproduziert nicht nur die scheinbar sinnentleerten ästhetischen Formeln des alltäglichen medialen Informationsoverkills, sondern repräsentieren auch die Muster einer unterschwellige Manipulation von Bewusstsein. Im ironischen Spiel mit den suggestiven Strategien kommerzieller Werbung stellt Moulins Arbeit die vermeintliche kritische Präsenz seiner unfreiwilligen Versuchspersonen auf die Probe.
„Um den Frieden zu wahren und meinen Wohlstand zu vermehren, spare ich mir unter allen Umständen eine eigene Meinung“
Diana Ebster