Künstler, *1942 in Barcelona, lebt seit 1971 in New York

hartware
2003
On Translation: Das Museum
1999 Dis.Location
Portrait
1998
Reservate der Sehnsucht Stadium

Portrait, 1994
Videoprojektion, 6’, Loop



Die Videoprojektion zeigt den Oberkörper eines Mannes - etwa von den Schultern bis zum Rumpf -, der an einem Tisch sitzt und offensichtlich spricht, da er stark mit den Händen gestikuliert. Obwohl wir weder das Gesicht noch den Umraum sehen können, erahnen wir etwas über die Person und ihre Situation, da wir beginnen, aus ihren Gesten, ihrer Kleidung und anderen Details zu lesen.

Stadium (Hommage to the Audience), 1989-93
Installation, variabel


Antoni Muntadas Arbeiten zirkulieren um eine kritische Analyse der subtilen Verschiebungen von öffentlichen und privaten Lebensbereichen. Er untersucht, auf welche Weise diese Felder samt der darin eingefassten sozialen Gefüge in und über Architektur, Stadtplanung, Kulturindustrie und Medien strukturiert werden, wo sie sich - physisch oder virtuell - verorten und verflechten.
Aus diesen Infrastrukturen leitet Muntadas Grundformeln der Architektur, der Medien und der Institutionen ab, die er wiederum mit den Machtverhältnissen zwischen und innerhalb dieser Archetypen in Zusammenhang stellt. Seine künstlerische Strategie und Denkweise ist dabei in hohem Maße rhizomatisch. Seine Arbeiten bilden als einzelne wie im Zusammenhang Tableaus und Plateaus ab, sie stellen Zwischenwerte in Aussicht, die von hier aus weiterverfolgt werden, »Rückschritte« machen, an völlig anderen Punkten wieder neu ansetzen, sich streifen und durchkreuzen. Ein und dieselbe Arbeit wird dabei auch den kontextuellen Bedingungen des jeweiligen Präsentationsortes entsprechend verschoben, da dieser ebenso als Archetypus reflektiert und einbezogen wird. (1)
Die Installation "Stadium: Homage to the Audience" ist verknüpft mit einer Serie von Arbeiten, in denen Muntadas das Verhältnis von sozialem Handeln und gebautem Raum untersucht hat: von der Galerie, dem Direktionszimmer, dem Auto, dem Haus, der Stadt bis hin zum Stadion.(2) Die ursprüngliche Installation von "Stadium" bestand unter anderem in dem Aufbau einer Miniaturarena im Galerieraum, die durch eine ovale Säulenreihe zitiert wurde. Die Verkehrung von Raumdimensionen - zu klein für ein Stadion, zu groß für eine Galerie - spielte damals eine Rolle. In Dortmund wird "Stadium" ohne Säulenreihe, also als reine Dia- und Soundinstallation präsentiert. Der extrem laute Soundtrack ist ein akustischer Zusammenschnitt von Veranstaltungen, die heute in Stadien zelebriert werden: Rockkonzerte, politische und religiöse Großevents sowie Sportereignisse. Die Diaserie zeigt dazu Bilder, die den Komplex Stadion unter verschiedenen Gesichtspunkten verhandeln: Architekur, Sicherheits- und Kontrollinstrumentarien, Möblierung, Medienpräsenz, Werbung, Emotionen, Masse, Nationalismus, Gewalt etc. Die Bilder, die aus Zeitschriften, Fernsehen, Werbung, historischen Archiven oder Muntadas eigener Kamera stammen, sind zu thematischen Sequenzen arrangiert, die jeweils durch Begriffsreihen eingeleitet werden. Einen großen Raum nimmt dabei das Stadion in seiner Funktion als Aus- und Übertragungsort von live geschalteten Großevents ein. Denn die gesamte Infrastruktur der Stadien ist heute darauf konzentriert, eine ideale Plattform und Kulisse für die Massenmedien (und in diesem Zusammenhang auch Werbefläche für die Großsponsoren) zu bilden, die in der Tat die »Action to the Audience« bringen. Bereits im Stadion selbst ist jedes Spiel zugleich doppelt und dreifach anwesend: neben dem Spielfeld auch in medialer Aufbereitung auf den gigantischen Screens, wo man das gerade Passierte noch einmal in Slow Motion oder simultan von verschiedenen Blickpunkten aus und in überhöhter Monumentalität serviert bekommt. Arenen sind auch Orte der mentalen Einschüchterung.
Im Fernsehen mischen sich zu den Live- und den eingespielten Bildern die Stimme des Kommentators, die akustische wie visuelle Präsenz der »Masse«, die auch dem Besucher daheim das Gefühl des »Dabei-Seins« vermittelt (3), die Grafiken, Tabellen, Interviews vor und nach jedem Spiel. Sport findet längst in einem hybriden Raum statt.
"Stadium" ist, wie der Untertitel schon benennt, auch eine Hommage an das Publikum, das, so Muntadas, sowohl Konsument als auch Produkt der Stadien ist.(4) Denn eine weitere Funktion von Stadien besteht darin, Massen für den medialen Transfer von Emotionen, Wettbewerb, Zusammengehörigkeit, Nationalismus, Hierarchie, Macht und Kontrolle zu formatieren. So werden Massen hier zu unterschiedlichen Bildern arrangiert; von der chaotischen, anonymen Menge in den unteren Rängen (Emotion) bis hin zu den wohlgeordneten Plätzen der Tribüne (Kontrolle). Auf dem Spielfeld gibt es wiederum eine eigene Organisation massenhafter Körper: Vom Aufmarsch bis hin zur Siegerehrung ist das Stadion eine politisch und ökonomisch gefärbte Bühne. Iris Dressler

1 Die 1989 entstandene Installation "Stadium" wurde z.B. im Zusammenhang mit den Olympischen Spiele von 1992 in Barcelona gezeigt. 1996, während der Olympischen Spiele in Atlanta, erfährt der Themenkomplex »Stadion« dann eine inhaltliche Verschiebung. Hier interessiert Muntadas der Aspekt des Übersetzens bzw. der Kommunikation in Zusammenhang mit internationalen Großveranstaltungen ("On Translation: The Games") wie in anderen Arbeiten zuvor ("On Translation: The Pavilion", 1995, Helsinki). Der Aspekt der Übersetzung/Interpretation von Sprache war wiederum ein Thema, das bereits 1994 von Muntadas in "The File Room", einer Installation und einem Internetprojekt zum Thema Zensur reflektiert wurde.
2 "Exposición" und "Exhibition", 1985; "The Board Room", 1987; "Stadium I-IX"; 1989-93, "Home, Where is Home?" 1990; "The Limousine Project", 1991; "City Museum", 1991-95.
3 Ein »Dabei-Sein-Müssen«, dem man nirgends zu entkommen scheint - man braucht nur das Fenster während einer WM zu öffnen und weiß genau, wann ein Tor gefallen ist.
4 Antoni Muntadas: Notes on Stadium, 1990.