Künstlerin, lebt in Berlin
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hartware
2001
new ideas - old tricks

Publikation
Plan

PLAN , 1999
In Zusammenarbeit mit Bettina Lockemann
Buchprojekt und Installation


„Die zwei großen traumatischen Ereignisse ‚Holocaust’ und ‚Gulag’ sind“, so schreibt Slavoj Zizek, „die exemplarischen Fälle für die Wiederkehr der Toten im 20. Jahrhundert. Die Schatten ihrer Opfer werden so lange fortfahren, uns als ‚lebende Tote’ zu verfolgen, bis wir ihnen ein anständiges Begräbnis bereiten, indem wir diese Traumata in unsere Geschichte integrieren.“
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Wie schwierig ein „anständiges Begräbnis“ der Traumata des Dritten Reiches nach wie vor ist, zeigt die über zehn Jahre währende, kontroverse Debatte um das Holocaust-Denkmal in Berlin, mit dem nichts geringeres als eine zentrale Gedenkstätte für die in Europa ermordeten Juden errichtet werden soll. Und es ist höchst fragwürdig, ob dieses Monument dazu beiträgt, die Verbrechen des Nationalsozialismus in die deutsche, die europäische bzw. die Geschichte der „westlichen Zivilisation“ zu integrieren. In einer Kampagne zur Einwerbung von Spendengeldern für den Bau des Berliner Denkmals tauchte zeitweise der Slogan „Der Holocaust hat nicht stattgefunden“ auf, was damals für breite Empörung sorgte. Selbstverständlich war dieser Slogan ironisch gemeint und wurde im Kleingedruckten zurechtgerückt, doch die Kampagne musste rasch eingestellt werden, da sie von Vielen als geschmacklos erachtet worden war. Interessant erscheint an diesem Vorfall allerdings die Frage, ob mit dem Slogan nicht ein Grundproblem, ein Grunddilemma von Gedenkstätten und somit ein ganz anderer „Skandal“ unbeabsichtigt ausposaunt worden war: Dass nämlich ein zentrales Monument, das die so schwer greif- und begreifbaren Verbrechen an einem Ort bannen möchte, diese zugleich aufhebt und als eine Geschichte, die sämtliche Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens durchdrungen hat – und weiterhin durchdringt –, zu verleugnen hilft. Wird, um es überspitzt zu fragen, das Holocaust-Denkmal nicht letztendlich eine Stätte sein, die der Bestätigung dient, dass der Holocaust in seinen alltäglichen Strukturen nicht stattgefunden hat?

Die Buchpublikation und Installation PLAN von Bettina Lockemann und Elisabeth Neudörfl ist 1996 – zunächst als Fotoprojekt – vor dem Hintergrund der Debatten um das Berliner Holocaust-Denkmal entstanden. Anders als das geplante Denkmal, fokussiert PLAN nicht die Opfer, sondern die Täter des Nationalsozialismus bzw. deren Tatorte. An Stelle einer symbolischen Verortung des gesamten „Grauens“ geht es den Künstlerinnen um einen dezentralen Blick auf dessen lokale Verankerung.

Blättert man durch das Buch so findet man zunächst einmal nichts weiter, als eine Fülle nüchterner s/w Fotografien auf denen Häuserfassaden, Hinterhöfe, Industrieanlagen, Straßen, Gestrüpp, Baracken und dergleichen zu sehen sind. Es handelt sich mehr oder weniger um die typischen Randzonen und Nicht-Orte moderner Großstädte, die sich hier in ihrer ganzen Tristesse, ihrem unspektakulären Grau in Grau präsentieren. Nie erkennt man, worauf es den Fotografien, dem Blick durch die Kamera jeweils ankommt, was uns diese vielen Bilder eigentlich zeigen, worauf sie hinweisen möchten. Und doch scheint es um etwas zu gehen, werden die Fotografien trotz ihrer Nichtigkeit exponiert, da sie immer auf die rechten Buchseiten platziert wurden, während die linken Seiten weiß bleiben.

Am Ende des Buches stößt man schließlich auf eine Liste mit Angaben wie „Kroll Oper, Versammlungsort des Reichstages nach dem Reichstagsbrand“, „Wasserturm, wildes KZ“, „Euthanasiezentrale“, „Jüdisches Altersheim, Sammellager für Deportationen“ oder „Synagoge, Sammellager für Jüdischen Besitz“. Zusammengetragen sind hier Orte und Adressen in Berlin, die den Nazis als Schalt- und Verwaltungsstellen dienten: Deportationsbahnhöfe, Stätten der Zwangsarbeit, Orte, die mit der Ausgrenzung der Sinti und Roma in Zusammenhang standen, der „Dienstsitz Reichsführer SS“, also Heinrich Himmlers. Die Fotos, ohne das der Text noch darauf hinzuweisen bräuchte, beziehen sich also auf Austragungsorte und den bürokratischen Apparat der Nationalsozialisten. Blättert man nun zurück oder beginnt das Buch von vorne, so sieht man die Bilder in einem völlig neuen Licht. Ihre Harmlosigkeit, Unschuld, Banalität und Alltäglichkeit weicht der Vorstellung dessen, was dort passiert sein könnte. Das Buch hat keine Seitenzahlen, und auch die Ortsangaben im Index sind nicht durchnummeriert. Auf dem Stadtplan, der in der Nähe des Buches aufgehängt ist, sind die entsprechenden Orte zwar durch einen roten Punkt markiert, doch auch hier ist keine Legende zu finden, mit der man die Orte den Bildern zuordnen könnte. Auf dem Stadtplan fällt allerdings auf, dass sich die dichteste Ansammlung roter Punkte am und im Umfeld des Potsdamer Platz – dem unumstrittenen High-Tech-Symbol des „Neuen Berlin“ – befindet…

Man bleibt jedenfalls – trotz aller Informiertheit – weiterhin hilflos bei der Zuordnung, Einordnung und Interpretation der Bilder. Aber was wüsste man schon, wenn sich eine Häuserfassade als „Jüdisches Krankenhaus, Sammellager für Deportationen“ oder als Büro des „Sicherheitsdienstes der SS“ herausstellte. Man könnte noch so lange auf die Häuserfassade starren und fände doch nicht heraus, hinter welchem Fenster sich ein Drama ereignet hat oder der Tod von Tausenden Menschen beschlossen wurde. Vielleicht stand dort damals auch ein ganz anderes Haus, das längst abgerissen oder bombardiert worden ist? Und wenn jemand auf das Bild zeigen würde, auf ein bestimmtes Fenster und sagen würde dort, genau dort wurde der Befehl x erteilt oder die Folterung an Person y vollstreckt? Man würde faktisch immer noch nur ein harmloses Fenster sehen, auf das man seine Vorstellungen projizierte, die wiederum von anderen Bildern herrühren: Bilder von Leichenbergen, Filmdokumentationen von Naziaufmärschen, Spielfilmszenen von Massenerschießungen… Bilder, die selten das Alltägliche, die Routine des Naziapparates zeigen.

Das Buch befindet sich auf einem Tisch mit einer Glasplatte. Unter der Glasplatte sind flächenfüllend weitere Buchexemplare ausgelegt, von denen wir nur das graue Cover sehen, in das der Titel PLAN eingeprägt ist – grau in grau. Es geht in PLAN also nicht nur um den Verweis auf die vielen, über die ganze Stadt verstreuten Tatorte des Dritten Reiches, sondern auch um das Verschwinden der Bedeutung dieser Orte im öffentlichen Bewusstsein sowie um die Bilderlosigkeit gegenüber dem bürokratischen Alltagsgeschäft der Nazis, die sich wie ein unantastbares Siegel der Verschwiegenheit darüber legt. PLAN verweist im Titel ganz explizit darauf, dass es hier, neben weißen Flecken auf der Landkarte, auch um eine Fokussierung auf das Dritte Reich als ein bürokratisches System geht, um Schreibtischtäter und deren Planungsgewalten. In „Draculas Vermächtnis“ schreibt Friedrich Kittler: „Stokers Dracula ist gar kein Vampyrroman, sondern das Sachbuch unserer Bürokratisierung. Auch sie einen Horrorroman zu nennen steht jedem frei.“
(2)

Iris Dressler


(1) Slavoj Zizek, Liebe Dein Symptom wie Dich selbst. Jacques Lacans Psychoanalyse und die Medien, Berlin, 1991, S. 105/106
(2) Friedrich Kittler, Draculas Vermächtnis. Technische Schriften, Leipzig, 1993, S. 43