Künstler, *1952, lebt in Bozen, I

hartware
1998
Reservate der Sehnsucht


Franz-Josefs-Höhe, 1997
Diptychon, Farbfotografien, je 103 x 130 cm, montiert auf Kunststoffplatte
courtesy: Galerie Anne de Villepoix



Vedretta Presena I, 1996
Vierteilige Farbfotografie, je 83 x 130 cm, montiert auf Kunststoffplatte
courtesy: Galerie Anne de Villepoix


Stilfserjoch, 1997
Diptychon, Farbfotografien, je 103 x 130 cm, montiert auf Kunststoffplatte

Rifugio Serauta, 1993
Diptychon, Farbfotografien, je 103 x 130 cm
courtesy: Matthias Dietz und Lluisa Sàries

Eine landinische Sage berichtet über das Dilemma zwischen der Tochter des Mondkönigs und dem Kronprinzen des Alpenreiches. Sie, gewohnt an das ewige Weiß des Mondes, ertrug auf Dauer die dunklen Wälder und Felsen der Alpen nicht, wurde krank vor Heimweh und musste schließlich den Geliebten verlassen. Der zurückgebliebene, unglückliche Prinz ließ kurzerhand die Berge, Hänge und Felsen des Alpenreiches bleichen, bis alles in der Farbe des Mondes erstrahlte. So gewann er seine Prinzessin zurück, die nie wieder in den Alpen von Heimweh geplagt wurde.
Wer heute Touristen in die Alpen locken will, muss mit mehr als »bleichen Bergen« (1) aufwarten. Eine lückenlose Infrastruktur von Pässen, Hotels, Parkplätzen, Aussichtsplateaus, Skiliften, Schneebombern und dergleichen muss her, damit die Urlauber sich ganz zu Hause fühlen und dabei 24 Stunden lang das Besondere erleben dürfen.
Seit Mitte der 80er Jahre beobachtet Walter Niedermayr die Infrastrukturen der Alpen, die aus den Bergen wahre Fußgängerzonen gemacht haben. Seine Fotoserien sind akribische, fast archäologische Notationen der mehrschichtigen Raster, mit denen sich die Tourismusbranche in die Landschaft eingraviert hat. Die Indizien der Freizeitkultur werden dabei allerdings nicht als Fremdkörper überführt, sondern als - mehr oder weniger harmonischer - Bestandteil der industrialisierten Natur aufgefasst. Niedermayr setzt in seinen Alpenbildern bewusst auf die erhabene Wirkung, die Monumentalität von Berglandschaften (seine Arbeiten haben durchschnittlich die Maße 103 x 262 cm), worin die schillernden Anoraks der Skifahrer, die Masten der Gondeln oder Zäune der Pisten durchaus als visuelles Plus akzeptiert werden - bevor man sie schließlich als »Kleingedrucktes« an/erkennt. So ist z.B. die pittoreske Struktur des gewaltigen Schneehangs in "Vedretta Presena I" erst auf den zweiten Blick als ein Verdienst des Schneepflugs erkennbar.
Berge werden erklommen, weil man auf ihren Gipfeln auf sie herunter, über sie hinweg in die Ferne schauen kann. Der ersehnte Ausblick wird in Niedermayrs Arbeiten, die immer aus zwei oder mehr Fotografien bestehen, gleich mehrfach gebrochen. So liest man sie zunächst als Panoramen, als vereinheitlichenden Überblick. Tatsächlich handelt es sich jedoch um begrenzte Landschaftsausschnitte, die von Bild zu Bild mit nur geringfügiger Verschiebung wiederholt werden. Die »Totale« scheint auf und entzieht sich zugleich; die suggerierte Weitläufigkeit des Blicks endet in einem Interieur.
Im Zentrum einer Reihe von Serien wie "Rifugio Serauta" oder "Franz Josefs-Höhe I" stehen betonierte Aussichtsplateaus, auf denen die Bergfreunde sich dem Massiv bequem und aus sicherer Distanz nähern können. Die bebauten Plateaus mit den darauf versammelten Schaulustigen sind in brillanter Farbigkeit wiedergegeben, wohingegen die Bergkette, die sich davor ausbreitet, blass und wie eine ausgebleichte Tapete wirkt. Obwohl die Touristen samt ihren Bedürfnissen das artifizielle Moment in die Alpen hineintragen, sind genau sie es, die hier »natürlich« erscheinen, während die Landschaft zum musealen Display verkommt. Tatsächlich, so Niedermayr, ist unsere Vorstellung von den Alpen derart von Hochglanzprospekten geprägt, dass die annähernd authentische Farbwiedergabe seiner Fotografien künstlich anmutet. Es geht Niedermayr allerdings nicht um die wahren Farben der »bleichen Berge«, sondern um das bemerkenswerte Ineinandergreifen von Natur und Tourismus. So auch auf der "Franz Josefs-Höhe", wo man sich offenbar bemüht hat, die Betonplanierungen mit einigen etwas hilflos verteilten Natursteinen wiedergutzumachen. Nicht das Betonfundament, sondern die Steine erscheinen deplaziert. Konsequent kehrt denn auch die Kaiserstatue vor Ort dem Hauptdarsteller dieses Naturschauspiels den Rücken zu.
Mit vergleichsweise brutaler Drastik zeigt die Serie "Stilfserjoch I" das Alpenparadies nach der Schneeschmelze: ein verödetes Stück Niemandsland, das auch eine verseuchte Industriedeponie sein könnte. Alles andere als ein Ort für den handelsüblichen Touristen. Und dennoch: Inmitten der Kraterlandschaft findet man ein Grüppchen, das sich genießerisch der Naturerfahrung hingibt. Als wandelten die Nachfahren der Mondkönigin noch immer im Alpenreich. Iris Dressler

1 Titel einer Publikation von Niedermayr, die Bezug auf die landinische Sage nimmt: Die Bleichen Berge, AR/GE Kunst, Bolzano 1993.