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Künstlerin,
*1967, lebt in Paris
hartware
2000 Plan
B
Karaoke
Ein Heimatabend in der Fremde, 2000
Audio-visuell Rauminstallation, In Zusammenarbeit
mit Herbert Schwarze
Koproduktion: hartware
Installationsansicht,
Plan B, Brückstraße 52, Dortmund, 2000
Fotos: Saschas Dressler
Marmor,
Stein und Eisen bricht, aber unsere Liebe nicht, alles, alles geht vorbei,
doch wir sind uns treu, Drafi Deutscher
Dortmund, aus der Ferne, das war: irgendwie Ruhrgebiet; die Westfalen
waren vor allem die Halle und das Stadion (Rockkonzerte und Sportveranstaltungen,
der BVB und die Borussenfront).
Es fährt ein Zug nach Irgendwo, Christian Anders
Meistens auf der Durchfahrt, eigentlich immer. Nur ein paar Mal, Jahre
ist es her, Freunde besucht, die es aus beruflichen Gründen hierher
verschlagen hatte. Bedauern, damals, "die Armen, wie kann man hier
nur leben." Ein Eindruck von angehaltener, auf der Stelle tretender
Zeit beim Durchstreifen der Stadt.
Grau zieht der Nebel, Alexandra
Eine Stadt wie diese wirft Fragen auf: ab wann fühlt man sich irgendwo
Zuhause, z.B. Heim-, Heimat-, Heimweh-Fragen, auch die nach der sprichwörtlichen
Solidarität der Kumpel, das besondere Wir-Gefühl der Arbeiter
im Ruhrpott. Mein Fazit lautete: Eine Stadt wie ein Schlager. Das war
Ende der 80er Jahre. Mit dem selben Eindruck kommt Natascha aus Dortmund
zurück, dieses Mal gehen die 90er Jahre zu Ende.
Ich hatte Zeit und mir war kalt, drum trat ich ein, Udo Jürgens
Wir teilen die Faszination für extreme Mischformen der Zeit. Manche
Geschäfte der Brückstraße erinnern uns an Geschäfte
in Berlin, Neukölln, in denen noch die Pril-Blumenbögen aus
den 70er Jahren in den Schaufenstern hängen. Verwunderung, Fragen:
Was haben pornographische Artikel und Hasch-Utensilien miteinander zu
tun? Dortmund, eine Stadt auf der Schwelle, macht auf sich aufmerksam:
In ihrer City soll eine Shopping Mall für Außerirdische landen.
Ein Signal: Bloß nicht den Anschluss verpassen beim Wettlauf der
Städte, sagt es, und doch wirkt es eher wie "ein Pass aus der
Tiefe des Raums". Das UFO erinnert mehr an Science Fiction-Phantasien
der 70er Jahre als an eine strahlende Zukunft, ist mehr Retro als "a
better tomorrow", irgendwie.
Sehnsucht heißt das alte Lied der Taiga, Alexandra
Der Osten, so nah und doch so fern, damals, Ende der 80er Jahre neben
dem Zoopalast in Berlin: Aeorflot, der Schriftzug auf einer Brandschutzmauer
am Eingang zur Budapester Straße. In GERMANIA NEUF ZERO ist es m.W.
zum ersten Mal in einem Film zu sehen. Vor Godard scheint es keiner gewagt
zu haben, ein derart offensichtliches Zeichen zu filmen, und plötzlich
leuchtet es über sich hinaus, signalisiert die Nähe Berlins
zum Osten. Ich hätte eine derartige Einstellung niemals gewagt, sie
wäre mir zu profan gewesen. Vielleicht ist man in der "eigenen"
Stadt ganz einfach zu nah dran, um so einfache und naheliegende Dinge
filmen zu können...
Heimweh, Freddy Quinn
heißt das alte Lied der Deutschen. Wir werden sicherlich nichts
Unbekanntes entdecken, aber durch den fremden Blick könnte eine Art
Alienation des Bekannten entstehen.
Da sagte er nur zum Spaß, komm lass uns auf die Reise gehn,
Juliane Werding
Schlager sind kleine Archive. Sie speichern Zeit, die erinnert werden
kann. Wir werden sie abrufen. Mit Bildern aus Archiven und Bildern, die
wir in der Stadt selbst finden. Wir können nur das Bekannte entdecken,
das, was da ist - die Inszenierungen der Stadt und ihrer Menschen. Um
die Bilder der Stadt zu versammeln, brauchen wir einen Ort. Von der Peripherie
her kommend bewegen wir uns in ein imaginäres und für die Dauer
der Projektion konkretes Zentrum, die Ausstellung.
Karaoke - Ein Heimatabend in der Fremde
Das sind: Schlager zum Mitsingen und Bilder zum Wiedererkennen und Entdecken.
Die Ausstellung selbst schafft einen Ort potentieller Geselligkeit. Wer
wird sich trauen, mitzusingen?
In dieser Stadt werd ich immer nur ein Fremder sein, und allein,
Udo Jürgens
Schlager
/ Der Hit schlägt zurück /
Seidengewänder, Gebärden, Studiolicht, das Mikrophon in der
Hand und ein Blick, der die Kamera fixiert. Die Stimme vibriert und schmeichelt
sich in die Herzen des Publikums ein. All dies kommt mir auf eine merkwürdige
Weise bekannt vor und dennoch: Heino, Udo Jürgens, Katja Ebstein,
Alexandra, das sind Namen, die mir nichts sagen. Kein Refrain, kein Bild,
noch nicht einmal ein Gesicht, das ich mit dem Wort Schlager
verbinde.
Herbert zeigt mir ein paar Videokassetten. Merkwürdig. Kitschig.
Aber die Figuren, die Melodien, die Inszenierungen sind mir erstaunlicherweise
vertraut. Da gibt es bemerkenswerte Ähnlichkeiten zwischen Peggy
Mae und Sheila oder zwischen Marie Myriam und Marianne Rosenberg, die
alle zu einem Symbol ewiger, unbeschwerter Jugend erstarren. Es geht noch
weiter: Grau zieht der Nebel ist nichts anderes, als Adamos
Tombe la neige (Wenn der Schnee fällt), gesungen von
Alexandra, einer jungen Frau aus dem Baltikum. Fast alles Neuauflagen
von Gilbert Bécaud, Serge Gainsbourg, Joan Baez... Die deutschen
Schlagersänger der 60er Jahre singen mit einem französischen
Akzent, reden von der Liebe, aber auch von der Sehnsucht nach der
Heimat - Heimatnostalgien, entfernte Länder oder Landschaften
der Kindheit derer, die sich schon immer als Fremde im eigenen Land fühlten.
Akropolis adieu, Mireille Mathieu lässt die Herzen über
alle Grenzen hinweg erschüttern und dennoch: Es ist, als hätten
diese Lieder, einmal übersetzt und neu arrangiert, ihre Identität
verändert. Einmal Schlager geworden, werden sie Teil eines Ganzen,
einer deutschen Populärkultur. Sie sind verschränkt mit der
Legende vom Wiederaufbau des Nachkriegsdeutschland, sind Teil des Wirtschaftswunders
und des amerikanischen Traums. Wärst du doch in Düsseldorf
geblieben, schöner Playboy, du wirst nie ein Cowboy sein singt
Freddy Quinn. Der kulturelle Import wird zum Kassenschlager, beschwört
das Authentische und wird dazu. Eine neue Identität, fernab vom deutschen
Volkslied, fernab von den Klischees des Vorkriegsdeutschland, galt es
zu finden. Doch der Schlager ist ein deutsches Phänomen, wenig bekannt
und kaum exportiert. Oder weshalb kennt man das großartige deutschsprachige
Liedrepertoire von France Gall in Frankreich nicht?
Natacha
Nisic und Herbert Schwarze
Installationsansicht,
Plan B, Brückstraße 52, Dortmund, 2000
Foto: Saschas Dressler
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