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Künstler,
*1957, lebt in New York, USA
hartware
1998 Reservate
der Sehnsucht
We
have no free will, 1997
Stoffpuppen, Videoprojektor, Holzregal
courtesy: Sammlung Goetz, München
Seit 1992 arbeitet Tony Oursler mit Stoffpuppen, auf deren Köpfe
er per LCD-Projektion reale Gesichter projiziert. Das mediale Bild bleibt
bei diesen Installationen zwar an seinen apparativen Ursprung gebunden,
der Monitor jedoch verschwindet aus der Konstellation von Sender und Empfänger.
Zur Mattscheibe erklärt, werden die Stoffpuppen zur Verkörperung
des auf sie geblendeten Gesichts, zur metaphorischen Projektion des Selbst
nach außen. Der stoffliche Träger verleiht den Bildern insofern
nicht nur eine körperliche Plastizität, sondern provoziert durch
die Externalisierung des Selbst im Lichtreflex des Datentransfers auch
einen irritierend phantasmatischen Realismus im Sinne des modernistischen
"Ich ist ein Anderer". Zugleich figurieren die wie in der Autoindustrie
als »Dummies« titulierten Stoffpuppen aber auch als provisorische
Adressaten, als Testpersonen für die Konfrontation der massenmedialen
Bilder und Töne mit der Physis und Psyche des Betrachters.
"We Have No Free Will" zeigt zwei auf einem Wandregal sitzende
Püppchen mit identischer Physiognomie, deren abwechselnd banale und
philosophische Unterhaltung kaum zu verstehen ist, da beide entweder simultan
sprechen oder aber von Verkehrslärm übertönt werden. Sie
reden unaufhörlich, wirken mit ihrem Charme des Selbstgebastelten
irgendwie rührend, sind gleichzeitig aber auch enervierend in ihrer
verbalen Penetranz. Gebannt starren sie in jenes Licht, das ihnen ihr
virtuelles Leben schenkt, ja, sie scheinen von diesem durchbohrt zu werden
wie Vodoopuppen, die als symbolische Stellvertreter leiden müssen.
Ihr Äquivalent findet die Polyphonie ihrer unendlichen Monologe in
der verkabelten Medienwelt. Identisch in dem aufprojizierten Gesicht,
aber verschieden in ihrer Gestalt und ihren Äußerungen, erscheinen
die willenlosen Geschöpfe selbst als ferngesteuerte Medien eines
schizophrenen Ich, einer gespaltenen Persönlichkeit, die sich buchstäblich
entmaterialisiert hat im medialen Angriff auf die eigene Körperlichkeit.
Wie die meisten von Ourslers Lichtgestalten legen die nur oberflächlich
niedlichen »Dummies« eine eindimensionale Persönlichkeit
an den Tag, die auf keinerlei externe Reize zu reagieren scheint. Gefangen
im Reich eines hermetischen Kommunikationscodes, scheinen sie keinerlei
Interesse an einem interaktiven Austausch zu haben. So wird im konstanten
Vorbeiflimmern der Informationen letztlich auch der Betrachter apathisch;
eine "apatheia", eine Gleichgültigkeit, die mit der Informiertheit
auch die Leere wachsen lässt, wenn die Stimuli der Beobachtung im
Sog der redundanten Struktur der Information allmählich verschwinden.
Vanessa Joan Müller
Installationsansicht, Reservate, Union Brauerei, Dortmund,
1998
Foto: Christoph Irrgang
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