Künstler, *1946, lebt in Kapstadt, RSA

hartware
2001
new ideas - old tricks

10 Canons of Stupidity, 1999
Videoinstallation mit Projektion und 3 LCD-Monitoren, Farbe, Ton, Loop
Kamera: Cliff Bestall (African Search for Common Ground)




In eindrucksvollen Bildern zeigt uns die Videoinstallation „10 Canons of Stupidity“ von Malcolm Payne die Nahaufnahme eines afrikanischen Rituals: Wir sehen die Hände eines älteren schwarzen Mannes, die Muscheln, Knochen, Würfel und andere Dinge halten. Die Gegenstände werden auf dem Boden ausgeschüttet, um die Zukunft daraus zu lesen. Auf magisch anmutende Weise bewegen sich die Gegenstände jedoch immer wieder zurück in die Hände, als wollten sie sich der Zukunftsdeutung entziehen. Die illusionäre, suggestive Kraft der Szene ist perfekt, trotz aller Offensichtlichkeit des angewandten filmischen Tricks, der das kleine „Wunder“ bewirkt. Für den westlichen Blick genügen eben ein paar rudimentäre Verweise auf „spirituelle Exotik“, und Wunder werden wieder möglich. Sind die westlichen Vorstellungsbilder von Afrika nicht so randvoll mit Klischees des Geheimnisvollen, Abenteuerlichen und Übernatürlichen gefüllt, wie diese beiden Hände mit Muscheln und Knochen? Und werden sie nicht ebenso zirkulär verworfen und wieder aufgegriffen – wie ein Strohhalm, an den sich die aufgeklärte Seele ab und zu klammern möchte?

Die archaische, bildgewaltige Szene wird regelmäßig durchkreuzt, unterbrochen durch den Begriff „identity“ der plötzlich vor schwarzem Hintergrund aufleuchtet und von einem unangenehmen Rauschen begleitet wird. Eine Art permanent wiederkehrende Vertreibung aus dem Paradies.

Darüber hinaus befinden sich auf der Projektionsleinwand drei kleine Mini-TV-Geräte. Man muss sich direkt vor die Projektionsleinwand begeben, um erkennen zu können, was dort zu sehen ist. Auf einem der Monitore werden zum Beispiel die Porträts der verschiedenen politischen Führer der jüngeren, durch die Apartheid geprägten, Geschichte Südafrikas ein- und ausgeblendet und dabei durchbrochen von Begriffen wie „Language“, „Identity“, „Subjectivity“, „History“, „Culture“, „Truth“, „Believe“. Auch auf dem anderen Monitor tauchen diese Begriffe wieder auf. Hier erscheinen sie vor kulturhistorischen Monumenten Südafrikas. Auf dem dritten Monitor schließlich sind Auszüge aus Wittgensteins „Philosophischen Untersuchungen“ in Form eines Rolltextes zu lesen.

Als Wittgenstein 1945 seinen sprachkritischen Überlegungen in den „Philosophischen Untersuchungen“
(1) nachgeht, blickt Südafrika bereits auf eine fast dreihundertjährige Kolonialisierungsgeschichte durch Niederländische und Britische Siedler samt deren kriegerischen Auseinandersetzungen um Diamant- und Goldminen zurück. Drei Jahre später, da ist Malcolm Payne fünf Jahre alt, sollte die radikale Nationale Partei der Buren siegen, ab 1950 die Apartheid rechtskräftig eingeführt und diese erst 1994 beendet werden. Die zur Aufarbeitung der Apartheid eingesetzte „Wahrheits- und Versöhnungskommission“, ein Modell, das nach wie vor kontrovers diskutiert wird (2), hat ihre Arbeit bereits nach zwei Jahren beendet.

Malcolm Payne stellt die Frage nach Begriffen wie Identität, Subjektivität, Geschichte, Kultur, Wahrheit und Glaube vor dem Hintergrund der vielfach und konfliktreich besetzten südafrikanischen Geschichte sowie der daraus resultierenden Problematiken für eine noch zu bewältigende Gegenwart – und setzt Beides im Rekurs auf Wittgenstein in Beziehung zur Dominanz und Krise westlicher Denktraditionen.

Iris Dressler

(1) die erst 1953, nach seinem Tod, erstmals publiziert wurden.

(2) zum Beispiel im Rahmen der 2. Plattform der documenta 11: „Experiments with Truth Transitional Justice and the Process of Truth and Reconcilation“, 7. – 21. Mai 2001, India Habitat Center, Neu Dehli