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Künstler,
*1961, lebt in Bukarest, RU
hartware
2002 unstable
narratives Copy That!
2001 new
ideas - old tricks new
ideas - old tricks text,
Wonderful World text
Publikation
(new ideas old tricks, Zeitung)
Copy
That!, 2002
Multimedia
Dan Perjovschi wird im Rahmen des Projektes "Copy that!" jeden
Tag per e-mail eine Zeichnung in die Ausstellung senden, die jeweils für
einen Tag auf einem Monitor zu sehen ist. Perjovschi lädt die BesucherInnen
dazu ein, eine Kopie der Zeichnung anzufertigen. Der Titel Copy That!
referiert auf einen amerikanischen Slang, der eigentlich Hast du das
verstanden? meint. Ein Imperativ, der einen auffordert, sobald man
etwas verstanden hat,
dieses wiederzugeben, es zu kopieren.
new
ideas old tricks, 2001
Zeitung, 8 Seiten, s/w
Kooperation: hartware
Mike Nelson und
dem alten Hund Vasile gewidmet

Mit scharfer Ironie kommentiert der rumänische Künstler Dan
Perjovschi in seinen tagtäglich entstehenden, schnell hingeworfenen
und dabei treffsicheren Zeichnungen die Absurditäten und Zynismen
der schönen neuen Welt. Ereignisse aus den Weltnachrichten,
die Situation in Rumänien, Strukturen von Rassismus und Sexismus
oder die West-Ost- sowie Nord-Süd-Gefälle werden darin ebenso
zugespitzt, wie Dinge, die den Künstler persönlich betreffen,
zum Beispiel die Hierarchien, Ein- und Ausgrenzungsmechanismen innerhalb
des Kunstbetriebes: I like your ideas schwadroniert da etwa
jovial ein Sammler, der auch ein Kurator sein könnte. I like
your Mercedes antwortet darauf lapidar der Künstler.
Im Rahmen der Ausstellung new ideas old tricks, deren
Titel eine Arbeit von Perjovschi zitiert, ist eine achtseitige Zeitung
mit Zeichnungen des Künstlers entstanden. Hier dominiert ein kritisch-ironischer
Blick auf die Fortschrittseuphorien des globalen Zeitalters. Ill
clone you sagt ein kleines Männchen und zeigt dabei auf ein
anderes, das sich gerade erhängt hat.
Auch die Kontrollmechanismen, die im Verbund von Internet, Mobiltelefon,
Satelliten und Fernsehen, Einzug in unser privates Leben halten und denen
wir in blindem Vertrauen freudig Tor und Tür öffnen, werden
von Perjovschi auf den Punkt gebracht. Darüber hinaus befragt er
die vermeintliche Virtualität moderner Kriegsführung. So erkundigt
sich die intelligente Bombe von Heute erst höflich nach dem werten
Befinden How do you do? bevor sie einschlägt.
Technik-Appeal und Allmachtsphantasien werden in Perjovschis Geschichten
ebenso konterkariert, wie unsere freiwillige mentale Auslieferung an das
world wide web, wenn zum Beispiel die eine Figur entmutigt
vor ihrem Computer zusammensackt, weil sie soeben 342 Mails erhalten hat,
die andere dagegen ihr Ende nahen sieht, nur weil es gerade no news
für sie gibt. Hier kündigen sich auch die Ein- und Ausgrenzungsstrukturen
an, die dem Internet inhärent sind, und die Perjovschi in weiteren
Zeichnungen pointiert.
Fortschritt wird von Perjovschi ganz unmissverständlich als ein Machtdispositiv
der westlichen Zivilisation verhandelt. So überhäuft
der euphorische große Bruder sein kleines, offensichtlich
nicht-westliches Gegenüber mit so verlockenden Angeboten wie Democracy,
Human Rights, P.C., Mountain Bike,
Spice Girls, Popcorn, Andy Warhol,
Zoo wo sein Gegenüber doch nichts anderes als
water, please verlangt. Future will be fine heißt
es an anderer Stelle, und zwar für den, der sein Feld am weitesten
abstecken sprich: der am weitesten pissen kann.
 
Die Wesen in Perjovschis Mikrowelten begegnen dem Druck des globalen Ganzen
mal hilflos-verloren, mal mit tragikomischer Selbstüberschätzung,
mit unverhohlener Machtgier oder kleinlichem Opportunismus. Ein solcher
Opportunist ist beispielsweise der Eisverkäufer, der vor dem Hintergrund
der globalen Erwärmung kurzerhand seine Werbetafel ändert, indem
er aus dem Wort Ice Cream das Ice herausstreicht:
Business as usual! Die Charaktere, die Perjovschi entwirft, verweigern
sich den platten Zuweisungen von Gut und Böse,
bleiben in ihrer Gesamtheit widersprüchlich, in ihrer Boshaftigkeit
durchschaubar. Es geht um die allzu menschlichen Unzulänglichkeiten
und Missverständnisse angesichts einer zu groß erscheinenden
Welt mit ihren noch größeren Versprechungen. Der auf der Seite
der Gewinner unserer Zivilisation Stehende mag zwar über seine Freiheit
jubilieren, doch er bleibt angekettet an seine eigenen Ansprüche:
credit card, id, inssurance, phone, address, p.c., job, friends
Seit 1991 arbeitet Dan Perjovschi als Zeichner und Kolumnist für
die beiden großen rumänischen Oppositionsmagazine Contrapunct
und 22.
Letztere ist durch die von ihm mitbegründete Gruppe für
gesellschaftliche Dialoge kurz nach dem Sturz von Ceausescu ins
Leben gerufen worden. Auch wenn sich Perjovschis bezahlte Tätigkeit
für die beiden Zeitungen sowie sein politisches Engagement in Rumänien
mit seinen künstlerischen Arbeiten überschneiden, hat er die
dabei jeweils unterschiedlichen Kontexte und Öffentlichkeiten genau
im Blick. Perjovschi, der sich, trotz seiner internationalen Erfolge im
Kunstbetrieb, bewusst dafür entschieden hat in Bukarest zu bleiben,
ist vor allem auch an einer politischen und persönlichen Auseinandersetzung
mit der Vergangenheit Rumäniens sowie dort an der Verankerung kultureller
Infrastrukturen interessiert.
Iris Dressler


Wonderful
World, seit 1994
Work in progress
Module aus je ca. 25 Zeichnungen, Dimension variabel
Courtesy: Kristine Stiles, Durham, USA
Installationsansicht hartware 2001, Foto:
Dan Perjovschi
Für das als work in progress angelegte Projekt Wonderful
World fasst Dan Perjovschi einen Teil seiner Zeichnungen seit 1994
unter verschiedene Rubriken zusammen: power, to draw
drawings, how we win the communism, tired, so
tired, media, artist and curator, art
east, talking, just talking, too much, too many,
race and gender, a day of my life, me and
new york, they tax me, romanian teacher
american students, ideology, identity, internet,
new ideas old tricks etc.
Jedes Themenfeld enthält 25 Zeichnungen, die, in Modulen übereinander
geschichtet, an die Wand montiert werden, quasi aus der Wand heraus wachsen
und wuchern. Die Ausstellung zeigt eine Auswahl dieser Module sowie weitere
kleine Heftchen mit Zeichnungen. Gemeinsam bilden sie in einer temporären
Installation variable Archive und mentale Landschaften politisch-privater
Statements, Erinnerungen und Erzählungen ab. Anders als in seinen
neueren Zeichnungen sind die Figuren und Geschichten hier weniger grafisch
und zuspitzend aufgefasst. Sie ähneln vielmehr Tagebüchern,
in die sich Persönliches und Unbewusstes deutlich miteinschreibt,
so spiegeln sich darin neben ironischen, bissigen Kommentaren auch Wut,
Ängste und Verzweiflung wider.
Die Module können von der Wand genommen und Zeichnung für Zeichnung
durchgeblättert werden: Each different. Each important. You
can touch them. You can touch art. You can read my drawings but can you
see them all? Can you remember them? Can you remember the World? Can you
touch it?
My Wonderful World is my revenge on the World we are living
(Dan Perjovschi).
Iris Dressler
Installationsansicht hartware 2001, Foto:
Dan Perjovschi
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