|
Künstler,
*1959, lebt in Bogotá, Kolumbien
hartware
1998 Reservate
der Sehnsucht
El
Paso del Quindío, 1992/98
Installation mit 13 Monitoren, 2 Leuchtkörpern,
1 digitalen Print
Einmal
mehr bin ich am Ende der Wanderung über den Quindío-Paß
angelangt. Ich muss sagen, dass die Beschreibung von Thielmanns ganz sicher
sehr weit von der Wirklichkeit entfernt ist."
(José Alejandro Restrepo, Tagebuch, 1991)
"Die Abbildung vom Eingang des Quindiupasses bei Ibagué muss
Humboldt aus der Erinnerung entworfen haben, denn sie entspricht den thatsächlichen
Verhältnissen in keiner Weise."
(Max von Thielmann, Vier Wege durch Amerika, 1879)
"In seiner Darstellung des Quindío-Passes läßt
Koch seiner Phantasie freien Lauf, ohne sich angemessen auf meine Skizzen
zu beschränken."
(Alexander von Humboldt, Tagebücher, 1810)
"Duttenhofers Kupferstich vom Quindío-Paß erfaßt
nicht ganz den Geist meiner Zeichnung... er vermag mich aufgrund seiner
übermäßigen Stilisierung nicht zufriedenzustellen."
(Joseph Anton Koch, Brief an Humboldt, 1810)
Ein Tag »vor Ort«, eine Reise ins Innere des Holzschnitts
und des Videobildes (Aufnahme mit 525 Zeilen pro Bild, 30 mal pro Sekunde).
Ein persönlicher Weg durch den Paso del Quindío (Quindío-Paß)
und ein weiteres Glied im Spiel der Darstellungen.Die Darstellungen des
"El Paso del Quindío" sind eine Abfolge von Interpretationen
nach Art der ineinander geschachtelten russischen Puppen. Alexander von
Humboldt zum Beispiel fertigt 1801 eine Skizze an; zehn Jahre später
gibt er sie an Joseph Anton Koch weiter, damit dieser in Rom eine endgültiges
Bild davon malt. Dieser übergibt die Skizze seinerseits an Duttenhofer,
damit der einen entsprechenden Holzschnitt anfertigt. Humboldt selbst
greift ein, aktiviert seine Erinnerung und seinen künstlerischen
Sinn und macht präzise Angaben: Hier muss ein heruntergefallener
Ast hin, mit Orchideen hier und da, oder Pflanzen im Gegenlicht im Vordergrund.
Sechzig Jahre später bezeichnet ein anderer Reisender, von Thielmann,
den Holzschnitt als ungenau und ausschließlich auf Erinnerungen
gestützt - die Interpretationskette geht weiter...
Für Humboldt sollte sich das wissenschaftliche Verständnis mit
Hilfe des Bildes vertiefen und bereichern. Allerdings weder mit irgendeinem
Bild noch mit irgendeinem Blick. Obwohl die anfänglichen Skizzen
vor Ort gemacht wurden, "können diese Vorarbeiten uns erst nach
der Rückkehr des Künstlers nach Europa in überzeugender
Weise den wirklichen Charakter dieser entfernten Welten vermitteln, nachdem
sie in den Studios der Künstler der Alten Welt von neuem ausgearbeitet
wurden."
Gerade während dieser »neuen Ausarbeitung« überzieht
der Naturalist die Realität mit einer Fülle von Transkriptionen
und Übersetzungen: Interpretationen von Interpretationen, so dass
es am Ende kein Originalmodell mehr gibt, sondern nur sich ausbreitende
und multiplizierende Bilder. Bilder werden hergestellt, um die Welt zu
lesen, doch immer handelt es sich um die Bilder der Siegreichen.
Die Figur des »Trägers«, die auf dem "Paso del Quindío"
erscheint, ist während des 19. Jahrhunderts eine häufig auftauchende
Figur in den Holzschnitten von Reisenden durch Kolumbien. Als historische
Figur verkörpert sie umfassend und auf sehr didaktische Weise die
Beziehung »Herr - Knecht«. Die Schmach, jemanden auf seinem
Rücken zu tragen, ist das Sinnbild für die koloniale Unterdrückung
schlechthin.
Dennoch erhebt sich ein kleiner Zweifel. Wenn man Avelino, den letzten
der Träger in den Urwäldern des Pazifiks (Choco), kennt, ergibt
sich eine mögliche Umkehrbarkeit des Sinnbildes (wie bei fast allen
Sinnbildern): Wer trägt in Wahrheit wen? Oder besser, wer ist in
wessen Händen? Aus anderer Perspektive (ist die Machtfrage vor allem
eine Frage der Perspektive, wie Baudrillard sagt?) erscheint die Realität
so, dass es der Träger ist, der die ganze Macht hat, der die ganze
Zeit die ganze Situation steuert und souverän entscheiden kann, ob
er seinen »Herrn« den Abgrund hinunterwirft oder nicht.
Im allgemeinen passiert bei vielen kolonialen Situationen etwas Sonderbares:
Es herrscht die Illusion von Macht, die Arroganz des Rechts, der Anspruch,
alles zu verstehen..., aber im Grunde lachen der »Wilde« und
der »Kannibale«... Sie lachen, weil sie den Weißen verschlungen
haben, wörtlich wie auch symbolisch. Vor allem aber lachen sie, weil
sie wissen, dass ihr Geheimnis weiterhin unversehrt bleibt.
José A. Restrepo
|