Künstler, *1951, lebt in Graz, A

hartware
2001
new ideas – old tricks

Österreich 2000
Gestaltungskonzept für die Camera Austria, Ausgabe 69/2000

Die österreichische Regierungskoalition zwischen der konservativen ÖVP und der rechtspopulistischen FPÖ Jörg Haiders, die am 4. Februar 2000 beschlossen wurde, zeigt in beunruhigender Weise auf, wie sich die „Neue-Mitte-Politik“ in Europa zunehmend den rechtsextremen Positionen eines übersteigerten Nationalismus, der Fremdenfeindlichkeit und des Rassismus, der Diffamierung jedweder Minderheiten – und somit auch der Diffamierung einer kritischen, intellektuellen und komplexen Kulturpraxis – öffnet. Bereits 1995 warb die FPÖ mit dem perfiden Slogan „Lieben Sie Scholten, Jelinek, Häupl, Peymann, Pasterk…oder Kunst und Kultur? Freiheit der Kunst statt sozialistische Staatskünstler“.

Das Schüssel-Haider-Bündnis hat jedoch auch europaweit und vor allem in Wien zu weitgreifenden Protesten und unterschiedlichsten Widerstandsformen geführt, die aus heterogenen Öffentlichkeiten herrührten. Seitens der Kulturschaffenden befürchtete – und befürchtet – man zu recht verdeckte Formen der Zensur, die durch die finanzielle Aushöhlung von Infrastrukturen vorangetrieben werden.

Dem gegenüber wurde – und wird – auch die Frage nach neuen und unverbrauchten Strategien, nach der „Wahl der Waffen“
(1) einer kritischen, widerständigen kulturellen Praxis auf breiter Ebene diskutiert. Einen Kommentar zur Situation in Österreich lieferte Jörg Schlick in Zusammenarbeit mit dem österreichischen Kunstmagazin Camera Austria: Die Ausgabe 69 bestand komplett aus schwarzen Seiten, die lediglich das Signet „Österreich 2000“ trugen. Beigelegt war dieser Ausgabe ein Brief der Redaktion mit einem deutlichen Statement gegen die neue Koalition in Wien und Slogans wie „50 Jahre Komplexität sind genug“ – einem weiteren FPÖ-Slogan, der eine Intellektuellenfeindlichkeit untermauert,
deren Tradition im deutschsprachigen Raum auch durch den Nationalsozialismus besetzt ist.
(2)

Mit der „leeren“ Ausgabe der Camera Austria sollte, so formuliert es das Schreiben „allerdings nicht das letzte Wort gesprochen sein“: LeserInnen, KünstlerInnen und AutorInnen wurden eingeladen, kritische Beiträge zur politischen Legitimierung des Rechtsextremismus in Österreich und der „Illegitimität der Sprache rechtsextremer Politik“ einzureichen, die dann in den folgenden drei Ausgaben der Camera Austria publiziert wurden (welche die Ausstellung „new ideas – old tricks“ ebenfalls präsentierte).

Es mag auf den ersten Blick hilflos und defensiv wirken wenn ein kritisches Kunst- und Theoriemagazin wie die Camera Austria den fatalen politischen Entwicklungen in Österreich in einer ersten Reaktion „nichts weiter“ als nahezu leere, schwarze Seiten entgegenzusetzen hat. Sie büßt überdies Erträge aus Anzeigen ein und riskiert es, AbonnentInnen zu verlieren, also ihre ökonomische Position zu schwächen. Die Stärke der Ausgabe 69 der Camera Austria, die ja zugleich auch ein Kunstwerk darstellt, liegt jedoch gerade darin, Fragen wie „Was nun?“, „Wie weiter?“ auf radikale, offensive Weise Raum zu verschaffen, und die Verweigerung einer unmittelbaren Reaktion als künstlerische sowie theoretische Widerstandsform – unter vielen anderen – zuzulassen. Denn dies impliziert auch, sich durch die neue Regierung eben nicht unter Druck setzen zu lassen. Außerdem wird die verdeckte Form der Zensur widerständiger Kulturpraxis durch Mittelkürzung, die in Österreich (und weit darüber hinaus!) zu erwarten ist, in einem demonstrativen Akt der „Selbstzensur“ ganz deutlich benannt.

Iris Dressler

(1) Titel der Springerin, Hefte für Gegenwartskunst, Band V, Heft 2, Juni – August 1999
(2) In ihrem Text „Der Mythos der ‘Unversehrtheit’ in der Moderne“ geht Christina von Braun den unterschiedlichen Entwicklungen des Begriffs „Intellektu-elle“ im französischen und deutschen Sprachgebrauch nach. Insbesondere im Zusammenhang der Dreyfuss-Affäre habe der Begriff eine negative Besetzung erfahren, konnte sich jedoch in Frankreich kurz darauf rehabilitieren. Im deutschen Sprachraum dagegen verfestigte sich sowohl seitens der Linken als auch der Rechten eine polemische, diffamatorische und pathologisierende Verwendung dieses Wortes. Den Nationalsozialisten, für die „intellektuell“ und „jüdisch“ zum Synonym wurde, waren „Intellektuelle“ die „Feinde im Volkskörper“. Christina von Braun, Der Mythos der „Unversehrtheit“ in der Moderne. Zur Geschichte des Begriffs „Die Intellektuellen“, in: Nathalie Amstutz/Martina Kuoni (Hg), Theorie – Geschlecht – Fiktion, Basel 1994, S. 25 – 45