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Künstler,
*1962, lebt in Berlin
hartware
1998 Reservate
der Sehnsucht
o.T.,
1998
Untertitel
Serie mit 10 Farbfotografien, je 41 x 100 cm, auf Aluminium aufgezogen
Von Daidalos
bis Lilienthal war die Geschichte des Fliegens bestimmt von den Deprimationen
der Misserfolge, die mit dem Abheben des Menschen von der Erdoberfläche
verbunden waren. Ein Gemeinplatz, dass erst durch die technischen Innovationen
des 20. Jahrhunderts vielen Menschen der Traum vom Fliegen erfüllt
werden konnte. In Brasilien setzte erst in den letzten Jahren eine zunehmende
Popularisierung des privaten Fliegens ein. Dennoch fand die ausgeschlossene
untere Mittelschicht São Paulos eine Projektionsfläche zur
sentimentalen Ausfüllung ihrer Flugträume. Das »Reservat
ihrer Sehnsüchte« befand sich am Rand der Stadt, am Flughafen
selbst. Die Paulistas feierten das Fliegen in Scharen am Rande der Rollfelder
des dortigen Airports als Wochenendvergnügen. Mittlerweile hat die
Obrigkeit diese Freizeitbewältigungsstrategie durch restriktive Maßnahmen
nicht zuletzt als Folge tödlicher Unfälle unterbunden. Die Party
ist vorbei. Kein Barbecue, kein Ballspiel, keine zwanglose Geselligkeit
unter vorbeirauschenden Boeings und Airbussen mehr. Beschilderungen am
Rande der Autobahn verbieten das Anhalten und die Versammlungen. Alberto
Simon hat kurz vor der staatlichen Beendigung dieser seltsamen Erscheinung
das Reservat aufgesucht und in eigenartigen Fotografien festgehalten.
Bei der Betrachtung der Serie entsteht allerdings eine prinzipielle Verunsicherung,
die in den Bildern selbst angelegt ist. Unwillkürlich erwecken sie
Zweifel an dem vermeintlichen Realitätsgehalt, den die Reportage
verspricht. Handelt es sich also bei diesen Bildern nur um die Dokumentation
eines soziokulturellen Phänomens? Wenn dem nicht so ist, was unterscheidet
nun diese Arbeiten von herkömmlicher Dokumentarfotografie oder Reportage?
Der auffälligste Unterschied ist die fehlende Inszenierung der menschlichen
Figur. In der Reportage heißt es, den Menschen meist frontal und
aus geringer Entfernung abzulichten, so dass die Identifikation des Betrachters
mit dem primären Motiv des Bildes, dem Menschen, ermöglicht
wird. Diese Weise des Fotografierens ermöglicht emotionale Teilnahme
an dem von Menschen bestimmten Ereignis des Bildes. In den Bildern von
Alberto Simon fehlt diese Komponente beinahe völlig. Der Blick der
Kamera verrät Distanz. Die Menschen sitzen wie beiläufig dort.
Sie verharren wie Stilleben. Des weiteren vermittelt die Komposition gleichfalls
eine Stillstellung. Auf einigen Bildern findet sich der anfliegende Jet
eingekeilt zwischen den Bogenlampen am Straßenrand wieder. Und trotz
des Wissens um die räumliche Tiefe des Terrains: Die Bilder zeigen
eher Flächigkeit als eine fluchtende Perspektive.
Die Arbeiten Alberto Simons führen den Betrachter von dem Ereignis
als solchem zu den formalen Bedingungen der Bilder. Die Weise des Fotografierens
hat zur Folge, dass ein eigentliches Konzentrieren auf den »erzählerischen«
Gehalt zugunsten der innerbildlichen Ordnung abgeschwächt wird. Während
auf der einen Seite das Fliegen die rasende Fortbewegung der Jetztzeit
ist, entzieht der Künstler auf der anderen Seite den Bildern Elemente,
die Geschwindigkeit zum Ausdruck bringen. Die Folge dieser formalen Motivinszenierung
ist Zeitentzug. Die Zeitlichkeit der Bilder wird nicht über das Motiv
in einer motivsprachlichen Weise tragend, sondern in den orthogonalen
Verhältnissen der Dinge zueinander auf der Fläche des Bildes.
Das Motiv ist aber nicht nur Anlass einer solchen künstlerischen
Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit. Vielmehr spielt der konnotationsreiche
Kontext eine katalysierende Rolle im Prozess der Auseinandersetzung zwischen
Sichtbarem auf sprachlicher und bildlicher Ebene.
Matthias Kampmann (heute Weiß)
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