Künstler, *1965, lebt in Berlin

hartware
1999
Dis.Location OMO text In the yello cell
1998
Reservate der Sehnsucht Dejeuner sur l'Herbe text U-Topos N-Spiral text
1997
Short cuts modern minimal disco text OMO text Fall text

In the yellow Cell, 1999
Installation mit Schmetterlingen, Obst, gelbem Licht und Klimatechnik



Foto: Hans D. Christ

OMO, 1996
Multimediale Skulptur
Angekauft durch die Deutsche Arbeitstschutzausstellung, Dortmund


Foto: Jan-Peter E.R. Sonntag

”OMO” ist quasi die Umkehrung von ”modern minimal disco”: Der Besucher kann sich inmitten der Ausstellung auf ein großes, rundes Luftkissen setzen, das ihn ein pulsendes, endloses Absinken erleben läßt.
Bei ”OMO 3” kann der Betrachter, auf selbigem Möbel sitzend oder liegend, über eine Videoprojektion einen Probanden (Modell) beobachten, wie er auf ”OMO 1” sitzt und einen endlos sich verlangsamenden Herzschlag spürt. Auf den Besucher wird der Herzschlag des von ihm überwachten Probanden unmittelbar als vibrierenden Puls übertragen. ”modern minimal disco” und ”OMO” definieren sich in ihrer plastischen Gestalt nicht als eine hybride Form, quasi von den Rändern ihrer Referenzfeldern her, sondern aus ihrem Zentrum heraus, in dem die Unmittelbarkeit ihrer Perzeption - die sinnliche Erfassung ihre Unfassbarkeit - steht.
Jan-Peter E.R. Sonntag

Déjeuner sur l'herbe 2, 1998
Komposition einer Situation / multimediale Installation
Koproduktion:
hartware


Installationsansicht, Reservate, Union Brauerei, Dortmund, 2001
Foto: Christoph Irrgang


Was ist irdisches Glück? Und unter welchen Bedingungen nehme ich wie etwas wahr? Nehme ich Kunst oder etwas als Kunst wahr? In meinen meist temporären »raum-Arbeiten« ist dies eine Frage nach dem Ort und seinem Raum. 1989 habe ich begonnen, mobile »Instrumentarien« zu entwickeln, mit denen ich dem vorgefundenen Ausstellungsraum durch optische und akustische Setzungen eine skulpturale Definition gebe. Betrachtet man in der westlichen Kultur die Bildende Kunst als Spiegel der Raumwahrnehmung, so ist deren Referent spätestens seit der Entdeckung der Zentralperspektive ein geometrisierter, flächendeterminierter, euklidischer Raum. Dies gilt, so meine ich, nicht nur für unsere visuelle Orientierung und Maßnahme, sondern auch für unsere akustische Raum-Wahrnehmung als primär der Wahrnehmung von Richtungen, aus der ein Schallereignis kommt, und sekundär der Interpretation des Klanges auf die Beschaffenheit des ihn umgebenden Raumes hin.
Im Gegensatz dazu nutze ich bei "Déjeuner sur l'herbe" die Räumlichkeit des Klanges an sich. Mit drei Sinustönen im subfrequenten Bereich, in dem der Ton noch gerade hörbar und vor allem körperlich als Luftvibration erfahrbar ist, ist die Ortung der Schallquellen fast nicht mehr möglich. Es entsteht ein Feld aus stehenden Druckwellen, das durch große Infraschall-Interferenzwellen langsam pulsiert - eine sich kontinuierlich ausdehnende und wieder zusammenziehende (Luft-)Architektur in der Architektur. Diese Konstanz und Statik im Phänomen, die einer hohen technischen Präzision bedarf - weshalb ich unter anderem mit Geräten aus der militärischen Messtechnik arbeite -, lässt den Besucher erst in seiner Bewegung Veränderungen erfahren und den Raum konstituieren.
Als ich 1996 in der Städtischen Galerie im Buntentor in Bremen "Déjeuner sur l'herbe (sur Cythere)" erstmals realisiert habe, war dies auch ein Versuch, den Ausstellungsbesucher in Handlungen, die die tradierte Rezeptionshaltung im Ausstellungskontext auflösen, einzubinden und gleichsam ihn, den »User«, diese Handlungen als tradiertes Klischee vollziehend in die Tradition eines bestimmten Sujets zu versetzen: Arcadia - Arkadien. Bei den Griechen noch das karge, gebirgige Land außerhalb von »Demeters Fluren«, eine Verortung der Halbgötter und mystischen Wesen außerhalb des Olymps, wird es in der an Virgils Eklogen anknüpfenden bukolischen Dichtung immer mehr zum verklärten Schäferidyll, zum Spiegel der Gesellschaft und zur Projektionsfläche ihrer Sehnsüchte. Spätestens mit Manets "Déjeuner sur l´herbe" sind Arkadien und seine Allegorien aufgelöst, ist das Bild nur noch Reflex eines Sujets, Verschmelzung von Genre und Landschaft: der (nackte) Mensch in der Natur, eine Situation vollkommen diesseitigen Glücks. Mit dem Beginn der künstlerischen Untersuchung nur des Blicks des Menschen auf die »reale« Welt ist der Mythos aus den Bildern vollständig verschwunden - ersetzt heute der Ort der Kunst selbst den Ort des Mythos in der Gesellschaft?
Vor einigen Jahren habe ich in meinem Kinderalbum ein s/w-Foto entdeckt, das mich 1967 in Niendorf an der Ostsee auf der weiten Rasenfläche vor der Wochenendhütte meiner Großeltern zeigt. Um mich herum liegen Bocciakugeln. Mein Großvater schläft in der Sonne mit einem Kofferradio auf dem Bauch auf einer Klappliege. Das Bild eines Moments heiler Welt. In der Komposition "Déjeuner sur l´herbe" liegen die originalen Bocciakugeln aus dem Foto, sowie das Radio, aus dessen Lautsprecher vereinzelte Motive für Cembalo und Bandoneon erklingen, die kompositorisch die stechende, akustische Architektur der Wellen kontrapunktiert. Der Boden der gesamten Ausstellungsetage ist mit Rasen bepflanzt, tropische Schmetterlinge flattern umher, Schaukeln hängen von der Decke. Jeden Sonntag lade ich dazu ein, mit den Kuratoren und mir zusammen in der Installation zu picknicken: »Et in Arcadia Ego.«
Jan-Peter E.R. Sonntag

U-Topos, N-Spiral, 1998
Ortsspezifische architektonische und akkustische Installation
Koproduktion: hartware


Installationsansicht, Reservate, Union Brauerei, Dortmund, 2001
Foto: Christoph Irrgang


"U-Topos N-Spiral" greift in die Situation im Turmgeschoß des »U« ein. Der Ausstellungsbesucher im Zentrum der Turmhalle taucht ein in einen akustisch simulierten Raum, der als sinnlich erfahrbare Verortung eines "Nicht-Ortes" erscheint - der Verortung eines Gedankens. In der Mitte der Halle ist ein Plateau aus Stahl installiert, in dessen Zentrum sich vier 3m hohe Säulen aus Lautsprechern befinden. Betreten Sie dieses Podest, so beginnt sich das Luftvolumen der Halle in einem endlos aufsteigenden, sich zum Zentrum hin beschleunigenden, kreisenden Spiralwirbel emporzurauschen, metrisiert von einem endlos accellerierenden, subfrequenten Puls. Ein kontinuierlich fallender Sinuston umkreist Sie, dem Spiral-Wind entgegen. Wenn Sie auf den roten Knopf eines von der Hallendecke herabhängenden Digitalmemos drücken, flüstert Ihnen eine Frauenstimme ins Ohr:
STELL DIR VOR, JEMAND SAGTE ZU DIR, DU WIRST DIESEN AUGENBLICK WIEDERERLEBEN, DU MUSST DIESES LEBEN NOCH EINMAL, NOCH UNZÄHLIGE MALE LEBEN. [IMAGIN SOMEONE TOLD YOU YOU HAVE TO RE-EXPERIENCE THIS MOMENT, YOU HAVE TO LIVE THIS LIFE AGAIN, ENDLESS TIMES AGAIN.]
Es handelt sich um eine 7-Kanal-computergenerierte Installation, die zusammen mit dem Soundsystem extra für diesen Ort entwickelt wurde und mit der Überlagerung verschiedener psychoakustischer Wahrnehmungsparadoxa arbeitet. Das endlos steigende Rauschen basiert auf den psychoakustischen Studien von Roger Sheppard und ist eine Weiterentwicklung der endlos glissandierenden Töne Jean Claude Rissets hin zu einer kontinuierlich steigenden, relativen, nur noch erahnbaren Tönigkeit. Dieses wurde in Zusammenarbeit mit dem Programmierer Jörg Spix auf einer IRCAM-Workstation 1993 für meine "raum-Arbeit 11" erstmalig realisiert. Jan-Peter E.R. Sonntag


Modern Minimal Disco, 1996
Multimediale Skulptur
Angekauft durch die Deutsche Arbeitstschutzausstellung, Dortmund


Installationsansicht, Short Cuts, DASA, Dortmund, 1997
Foto: Sascha Dressler


Bei ”modern minimal disco 4” muss sich der Besucher auf einen zentral in der Ausstellung plazierten Stahlsockel stellen, um sich den Kopfhörer aufsetzen zu können. Als exponierter Betrachter der Ausstellung inmitten der Ausstellung taucht er akustisch in einen paradoxen Erfahrungsraum - einem kontinuierlich und endlos sich beschleunigenden Raum.
Hierbei werden die subfrequenten, nur als Druckwellen spürbaren Anteile des accellerierenden Pulses über einen Spezial-Kopfhörer und den Sockel nun direkt als Vibration auf den Rezipienten übertragen. Dieser - nun separiert - wird zu einem Teil der Arbeit und als solcher in seiner Observation selbst ausgestellt.
”step inside / body’s part of the art / don’t worry / art don’t mind / hardware makes it irreproducable / in here” (David Maas).
Wie bei C. Eschers Grafik der ”endlosen Treppe” handelt es sich um ein Wahrnehmungsparadoxon: Ein spiralförmig endlos ansteigendes Rauschen verschiedener Geschwindigkeiten, verschmolzen mit einem endlos sich beschleunigenden Baßpuls.
Der entstehende, fließende Raum wird gleichsam tautologisch kontrapunktiert von der Telefonstimme des amerikanischen Künstlers David Maas, der von seinen Erfahrungen mit modern minimal disco als ”Cage-Dancer / Critic”auf dem Rave in San Francisco berichtet - und somit die Arbeit beschreibt.
In Sonntags künstlerischer Arbeit, deren zentraler Angelpunkt die Erfahrbarkeit von Raum ist, fließen Bildende Kunst, experimentelle Musik, Forschungen der Kognitionswissenschaft und Psychoakustik zusammen. Jan-Peter E.R. Sonntag

Fall, 1997
Multimediale Skulptur



Installationsansicht, Short Cuts, DASA, Dortmund, 1997
Foto: Sascha Dressler


„Fall“ ist ebenfalls eine Umkehrung von „modern minimal disco“, allerdings in eine andere Richtung: Man besteigt einen Sockel mit Gitterrost und setzt einen Kopfhörer auf. Das im Sockel eingebaute, starke Gebläse sowie das endlos fallende Rauschen in den Kopfhörern versetzt den „User“ in eine endlose Fallsimulation.