|
Künstler,
*1956, lebt in Hengelo, NL
hartware
1998
Reservate der Sehnsucht
It's about time
1997 Short
cuts
I/Eye text
Untitled text
It's
about Time, 1988-98
Interkative Installation

Installationsansicht, Reservate, Union
Brauerei, Dortmund, 1998
Foto: Christoph Irrgang
Spätestens mit der Serie »Star Trek« hat der (Alp-)Traum,
sich bzw. seine körperliche Materie aufzulösen und frei zwischen
den Orten und/oder Zeiten zu flottieren, ein im kollektiven Bewusstsein
der Fernsehgesellschaft verankertes Bild gefunden. Im übrigen begnügt
man sich damit, nicht selbst herumzugeistern, sondern beliebige Orte und
Zeiten auf den hauseigenen Bildschirm hin- und wegzuzappen. Mit Hochgeschwindigkeitszügen
und Überschalljets scheint man der Zeit vorauszueilen. Den Ballast
der Materie bekommt man umso schmerzlicher zu spüren, wenn das der
Technik immanente »Blackout« uns einmal mehr auf den harten
Boden der Tatsachen zurückschleudert.
Bill Spinhoven spielt mit dem ebenso bedrohlichen wie faszinierenden Wunsch,
die eigene Substanz aufzulösen. Den Prototyp der interaktiven Installation
"It's About Time" entwickelte er bereits 1988. Die Installation
basiert auf einem »Closed Circuit« von Kamera, Betrachter
und Monitor, der allerdings durch einen dazwischen geschalteten, »unsichtbaren«
Computer manipuliert wird. Der Computer gibt das Bild des Betrachters
zwar »live« wieder, jedoch in zeitlicher Aus- und Überdehnung.
Analog zu seiner Bewegung scheint der Betrachter sich auf den Screen permanent
zu atomisieren und an anderer Stelle wiederaufzubauen. Er löst sich
in Spiralen, Pixel, Schleifen auf, kann je nach Bewegungsablauf für
kurze Zeit gänzlich verschwinden, als würde er sich von Ort
zu Ort »beamen«. Unweigerlich begibt man sich in das »Fort-da-Spiel«,
ist gleichermaßen bestürzt wie erfreut ob des eigenen Verschwindens
und Wiederauftauchens. Die Installation wird im Rahmen der Ausstellung
modifiziert und als Videoprojektion inszeniert. Iris Dressler
I/Eye,
1993
Interaktive Videoinstallation mit einem Monitor
Angekauft durch die Deutsche Arbeitsschutzausstellung, Dortmund
Obwohl wir es nur selten bemerken, werden unsere
täglichen Aktivitäten von versteckten Kameras, Fernseh- und
anderen Überwachungsanlagen beobachtet; ob in der Bank, im Flughafen,
im Museum oder im Supermarkt, unsere Anwesenheit wird fast immer registriert
und überprüft, als wären wir alle potentielle Kriminelle.
Der Traum von der hoch technisierten Gesellschaft, der Supervision
über unser gesamtes Umfeld, erweist sich zugleich als ein Alptraum,
in dem wir von Maschinen beobachtet und ausspioniert werden. Es drängt
sich die Frage auf: Was versucht das allsehende Auge eigentlich aufzudecken
und in wessen Auftrag? Wer oder was wird beschützt? In gewisser Hinsicht
spiegelt unsere Bildschirmmaschinerie unser eigenes Sehen wider, und so
versuchen wir, ironischerweise, unserem eigenen, selbst entworfenen bösen
Blick zu entkommen, der gleichzeitig ein Eigenleben zu führen und
dabei von einer unbekannten Größe kontrolliert zu werden scheint.
Big Brother is watching you. Gewöhnlich spioniert er dich heimlich
aus, die interaktive Installation I/Eye hingegen wirft dir und anderen
Passanten unverhohlen spöttische Blicke zu. I/Eye ist ein riesiges
Auge, das den gesamten Bildschirm eines Videomonitors ausfüllt. Es
sieht dich nicht nur an, es folgt dir und bewegt sich mit dir. Zunächst
meinst du, du seist der Betrachter, derjenige, von dem dieses Blickspiel
ausgeht, doch dann musst du feststellen, dass du ebenfalls beobachtet
wirst. Für I/Eye hat Spinhoven sein eigenes Auge in unzähligen
unterschiedlichen Positionen aufgenommen, die, gesteuert durch ein Computer-programm,
auf die flüchtigen Echtzeit-Aufnahmen des Betrachters
reagieren. Auge in Auge mit I/Eye erfährst du am eigenen Leibe was
es heißt, wie ein Objekt beobachtet und verfolgt zu werden. Eine
zwiespältige Erfahrung, um es vorsichtig auszudrücken.
Es gibt allerdings ein noch spezifischeres Bezugsfeld, das je nach Betrachterstandpunkt
und Kontext, in dem I/Eye erscheint, noch zwiespältiger oder weniger
zwiespältig ist: Es geht auch um deine Rolle als Kunstbetrachter,
geübt darin, das Kunstwerk mit einem interpretierenden, klassifizierenden
und ästhetisierenden Blick einzukreisen und zu erobern.
Mit I/Eye rächt sich die Kunst und starrt unerbittlich zurück,
als wolle sie gegen ihre passive, untergeordnete Rolle als Ausstellungsobjekt
rebellieren. Der Blick des zum Opfer gewordenen Betrachters wird durch
den schamlos starrenden Blick des Kunstwerkes unterminiert, welches gegen
alle Konventionen selbst die Kunst des Beobachtens zu meistern versucht
und so die gewohnten Rollen vertauscht.
I/Eye legt die dunkle Seite der technologischen und telematischen Gesellschaft
frei und zwingt den Betrachter zugleich, die Kunst und sich selbst mit
anderen Augen zu betrachten.
Jorinde Seijdel
Untitled,
1997
Interaktive Skulptur
Koproduktion: hartware
In
Spinhovens neuem Objekt, eine schlanke Säule, ist auf der Oberfläche
ein kleiner LCD Monitor eingelassen. Der Monitor zeigt ein Schwarzbild.
Erst wenn der Besucher eine Kurbel betätigt, die an der Säule
angebracht ist, erscheinen die Bilder - analog zur Geschwindigkeit der
Kurbelumdrehung: Allmählich erscheint das Bild einer Glühbirne,
die schließlich zu leuchten beginnt. Hat sie ihr Maximum an Lichtintensität
erreicht, taucht aus der Birne heraus das Gesicht eines zufriedenen Babys
auf.
|