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Künstler,
*1963, lebt in Münster
hartware
2001 Still
| Life
Domestic Landscapes
2000 Sublime
Domestic Landscapes
1998 Reservate
der Sehnsucht
Magic Worlds text;
Magic Feelings text
Domestic
Landscapes, 2000
Serie mit Farbfotografien, Größe variierend

Seit einigen
Jahren setzt sich Thomas Wrede in seinen Fotoserien mit einem klassischen
Sujet der Kunstgeschichte auseinander, deren Gegenstand sich im Verlauf
des 20. Jahrhundert allerdings verändert hat: die Landschaftsdarstellung.
So führt es ihn dabei nicht etwa hinaus in die Natur, sondern hinein
zum Beispiel in jene umzäunten, künstlich angelegten
Welten der deutschen Freizeitparks, wo sich die Freiheitsstatue ganz selbstverständlich
neben das Schwarzwaldhaus gesellt und reißende Wasserfälle
von perfekt arrangierten Versatzstücken des Naturidentischen umrahmt
sind.
In der Serie Domestic Landscapes geht es jedoch nicht mehr
wie noch in den Magic Worlds, um drei-, sondern um zweidimensionale
Naturidyllen, welche die Wohnkultur der 70er-Jahre vom Wohn- und Schlafzimmer
bis zum Partykeller ausstaffiert haben: Jene flächendeckenden Fototapeten,
die das heimische Interieur je nach Präferenz in Südsee- oder
Alpenimpressionen tauchen. Thomas Wrede hat Personen recherchiert, deren
Privaträume noch heute solche Fototapeten zieren: Seestücke,
auf denen im zarten Gegenlicht der untergehenden Sonne ein Schwarm Möwen
verschwindet oder Gebirgstäler, durch die von Ferne her das Echo
des röhrenden Hirsches zu dringen scheint. Großformatige Sehnsuchtsbilder,
durch die man sich an glücklichere Urlaubstage erinnert fühlt
lästige Mücken, schlechtes Wetter, Stau, Regentage, Durchfall
oder die Blasen an den Füßen dabei gern vergessend.
Wredes kulturhistorisch anmutende Dokumentationen zeigen diese standardisierten,
überdimensionierten und immer menschenleeren Bilder unberührter
Natur, wie sie mittels weiterer Einrichtungsgegenstände gleichsam
als Bühnenbilder in den Privatraum verlängert werden. Wenn man
schon nicht dort hineingehen kann, denn die schöne Natur soll ja
auch unberührt bleiben, dann muss man zumindest ein wenig von ihr
herausholen und es überdies der Natur in ihrem neuen Heim gemütlich
machen, sonst ziehen womöglich Wolken auf. So wurden vor die Seenplatte
Steine wie vor einem Altar drapiert, die Möwen am fernen Meereshorizont
verlieren sich in der Maserung der hellen Holzverkleidung, die das Strandglück
umrahmt, der Spiegelschrank erweitert die Gebirgslandschaft im Schlafgemach
zum Allrounderlebnis und vor der skandinavischen Waldlichtung mit Bach
liegt der Rucksack bereit und auch der Elch als rote Nachttischlampe fehlt
hier nicht. Künstliche Natur und kunstvolle Kultur sollen möglichst
nahtlos ineinander über gehen können. Bei einem der wenigen
Stadtpanoramen, Manhatten bei Nacht, wurden schließlich die Stahlseile
der Brooklyn-Bridge mit bunten Lichterketten und Wäscheklammern verziert.
Man stelle sich nun die BewohnerInnen als Akteure in diesen selbst erschaffenen
Kulissen einer im Heil erstarrten Welt vor. Doch in Wredes Fotos sind
sie nie zu Hause. Oder vielleicht doch? Wohn- und Einrichtungskulturen
spiegeln bekanntlich auch das Selbstbild ihrer Arrangeure wider
oder zumindest das, was sie dem geladenen oder auch unverhofften Gast
als dieses auf den Weg mitgeben wollen.
Iris Dressler
Magic Worlds, 1997/98
Serie mit Farbfotografien, je 80 x 90 cm (leicht
variierend)
Das bisherige
Werk von Thomas Wrede ist durch großformatige s/w-Fotografien geprägt:
z.B. vergrößerte Abdrücke von an den Glasscheiben des
Münsteraner Wewerka-Pavillons abgeprallten Vögeln oder auf der
dänischen Kategatinsel Samsö vergrabenen und von der Witterung
wieder aufgedeckten Plastikfolien; Motive, in denen Natur und Künstlichkeit
in ein spannungsvolles Wechselverhältnis geraten. Obwohl die feinen
Grauschattierungen bei genauem Hinsehen jedes Detail freigeben, scheint
das Dunkel der Barytabzüge einen undurchdringlichen Schleier über
das Dargestellte zu legen. Wredes fotografische Sprache ist voller Melancholie,
aber auch gefüllt von einer stillen Sehnsucht, dem Verlangen, den
Objekten der Fotografie näher zu kommen, ohne daß diese sie
jemals preisgeben könnten.
Ein weiter Schritt zu "Magic Feelings - Magic Worlds", der neuen
Fotoserie, in der Wrede die Welt der Freizeit- und Vergnügungsparks
zu seinem künstlerischen Thema erklärt hat? Er spürt auch
hier der Zeit bedingten Künstlichkeit in der Natursicht am Ende des
20. Jahrhunderts nach. Wie für ein Potpourri zusammengestellt, fotografiert
er die nachgebaute Elefanteninsel neben mechanisch den Kopf schüttelnden
Hochgebirgsgemsen, den pittoresken Nachbau einer Goldgräberlandschaft
in direkter Nachbarschaft zur Schwarzwaldsiedlung oder zur amerikanischen
Freiheitsstatue, dornige Kakteen neben in Reihe gepflanzten Birken und
sauber gemähten Grasrabatten, alles durchzogen von dramatisch sich
aufschwingenden Achterbahnschienen oder Wildwasserkanälen. Eine sterile,
menschenleer festgehaltene Welt der Künstlichkeit, die der Künstler
offenbart: modellhaft, distanziert, ohne Licht und Schatten und ohne Sentiment.
Nur vordergründig ein thematischer wie stilistischer Bruch zu seiner
bisherigen Arbeit, denn auch hier arbeitet er dem Anspruch dokumentarischer
Fotografie auf Entdeckung entgegen. Wredes Dokumentation verweigert die
Aussage, obwohl er die landschaftliche und kulturelle Mixtur der Parkanlagen
schonungslos, geradezu obszön darlegt. Er entkleidet sie ihres Schutzes
durch die massenhaft strömende Besucherschar, der unabdingbaren Voraussetzung
für die Wiederbelebung ihrer kalten Fiktion. Seine Arbeit kritisiert
nicht vordergründig den Charakter des Imaginären dieser Scheinwelten,
sie unterscheidet nicht in wahr und falsch. Nicht die Kalkulation des
Vergnügens, nicht die gefährlich ratternde Fahrt der Achterbahn,
nicht der digital gesteuerte Vulkanausbruch ist auszumachen. Die Accessoires
des programmierten Vergnügens erscheinen nüchtern und illusionslos;
gerade hierin liegt die Melancholie von Wredes Fotografie. Seine Landschaften
erscheinen nicht still, sondern stumm, nicht sehnsuchtserfüllt, sondern
nackt; man sieht, daß man nichts sieht.
Magic
Feelings, 1997/98
Serie mit s/w Fotografien, je 11,5 x 8,5 cm (gerahmt
je 43 x 45 cm)
Doch der Serie der nüchtern, scheinbar objektiv dokumentierten Freizeitlandschaften
"Magic Worlds" ist ein komplementäres Pendant zur Seite
gestellt: "Magic Feelings". Statt Farbigkeit hier die Reduktion
auf Schwarzweiß; an Stelle der Landschaft steht das Porträt;
der distanzierte Blick durch das Weitwinkel ist ersetzt durch die Nahaufnahme
des Teleobjektivs. Jedes Bild ist ein zeitlicher Ausschnitt einer rasanten
Talfahrt mit der Achterbahn: Kinder oder Erwachsene, Männer oder
Frauen mit weit geöffneten oder krampfhaft zusammengepressten Mündern;
freudige Entsetzensschreie als Resultat kalkulierten Adrenalinausstoßes;
käuflicher, mechanisch reproduzierter Thrill, wo Emotionen fremd
bleiben. Und wieder steht der dokumentationstypische Anspruch auf Einmaligkeit
oder Echtheit dem Charakter der Fotografien entgegen, widerspricht die
Grobkörnigkeit der Abzüge und ihre durch die Geschwindigkeit
bedingte Verzerrung bzw. Unschärfe jeglicher Aufdeckungsstrategie.
Der gezielt immer gleiche Ausschnitt, der nur für die extrem kurze
Verschlusszeit der Kamera sichtbare Augenblick erscheint eingefroren.
Wo Spontanität, Individualität oder Authentizität erwartet
wird, zeigt Wrede erstarrte Gesten. Die Dialektik von Künstlichkeit
und Natürlichkeit, Schönem und Hässlichem, Rausch und Entsetzen,
Verbergen und Offenbaren zieht sich als Richtschnur durch sein ganzes
uvre. Martin Henatsch
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