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arbeitet
als Künstler und Architekturtheoretiker in Graz und Wien an Ausstellungen
und Projekten über Planungsmythologien und Alltagsarchitektur: z.B.
Leerstellen im Sozialen Wohnbau (1995), Wir Häuslbauer Bauen
in Österreich (1988), www.eigenheim.at (19992000), und zuletzt
über die Produktivkraft des Verbrechens für die Entwicklung
von Architektur und Stadt. Lehraufträge an unterschiedlichen Universitäten.
Zur Zeit wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Gebäudelehre
und Wohnbau an der Technischen Universität Graz
hartware
2001: Bignes?
Publikation
Michael Zinganel, Real Crime, Architektur & Verbrechen, edition selene,
Wien 2002
http://www.realcrime.at
Real
Crime XL Architektur & Verbrechen
Crime does not
pay!
Falsch, schreibt Karl Marx, Verbrechen zahlt sich sehr wohl aus
nicht immer für die Verbrecher und schon gar nicht für
deren bedauernswerten Opfer, sehr wohl aber für die Volkswirtschaft
einer Gesellschaft, bringt doch das Verbrechen auch alle gegen es selbst
gerichteten Maßnahmen, Institutionen und Diskurse hervor: die Polizei,
das Strafrecht, die Strafjustiz, das Gefängnis, und nicht zuletzt
alle Erzählungen über das Verbrechen, in der Kriminalberichterstattung
in Massenmedien, in wissenschaftlichen Publikationen und in den schönen
Künsten. Es ist der Verbrecher, der das dominante Moral- und Wertesystem
erhält: denn die eigene Normalität lässt sich in der Regel
erst durch die Kriminalisierung und Ausgrenzung des Abweichenden herstellen.
Die Angst, die von kriminalisierter Devianz, durch reales oder auch nur
imaginiertes Verbrechen evoziert wird, bildet sich in unzähligen
präventiven bautechnischen, architektonischen und städtebaulichen
Maßnahmen ab: Fortifikationsanlagen gegen die Feinde von außen,
Kontrollarchitekturen gegen die Feinde von innen. Das vermeintliche Verbrechen
eröffnet so einen beträchtlichen Markt, es trägt
so Karl Marx mehr zur Vermehrung des Nationalreichtums bei als
so manch anständigeres Gewerbe, und wenn es einmal zu verschwinden
droht, so wird es eben neu erfunden von den Nutznießern der
Angst: von Polizisten, Politikern und Planern, von der Baustoff-, Sicherheits-
und Versicherungsindustrie.
Kategorien der Produktivkraft
Zur Kategorisierung der vom Verbrechen produzierten baulichen Maßnahmen,
die eine Indizienkette zur Neuformulierung der traditionellen Architekturgeschichtsschreibung
bilden, lassen sich die von Rem Koolhaas im Architekturdiskurs eingeführten
Begriffe S, M, L, XL vortrefflich missbrauchen: sie bezeichnen hier aber
nicht die Größe des jeweils produktiven Verbrechens, sondern
die Größe der vom Verbrechen betroffenen Baulichkeiten:
S(mall) bezeichnet die Entwicklung der Sicherheitstechnik: Zum Beispiel
den produktiven historischen Wettstreit zwischen dem gewerblichen Kunsthandwerk
der Schlosser und der gleich genannten Berufsgruppe von Einbrechern; M(edium)
die Sicherung von Objekten mittlerer Größe: Zum Beispiel die
reale und figurative Befestigung der bürgerlichen Wohnung, des Eigenheims
und der Zugangskontrollen bei geschlossenen Siedlungsanlagen gated
communities; L(arge) die Fortifizierung von Großbauvorhaben mit
analogen oder Computer gesteuerten Zugangskontrollen, martialische oder
smarte Vertreibungstechniken in Wohn- oder Bürohochhäusern oder
in shopping malls; XL(arge) die Stadtplanung und Staatsarchitektur: Die
militärstrategischen Anlagen der Städte, die Kolonien als Laboratorien
der Moderne, die Beleuchtung der Städte, historische und aktuelle
Aufwertungsstrategien in so genannten Problemzonen der Großstädte
(gentrifizierung); die sicherheitstechnisch komplexe Aufgabe internationaler
Flughäfen, die topographisch im Inneren einer Nation, de jure aber
an den Außengrenzen zur Welt situiert sind.
The City is a State of Mind
Die zwei für den Ausgrenzungsdiskurs signifikantesten Bauformen,
shopping malls und gated communities, verdanken ihre Existenz ursprünglich
den Suburbanisierungsprozessen amerikanischer Großstädte, die
seit jeher von extremer sozialer Segregation gekennzeichnet sind. Diese
Suburbanisierungsprozesse wiederum sind undenkbar ohne die gezielte Stigmatisierung
der Innenstädte als Horte der Gewalt, denen es zu entfliehen galt
eine Stigmatisierung zu der neben populären Medien (Romanen,
Filmen und TV) vor allem auch die Wissenschaft einen bedeutenden Beitrag
geleistet hat: Die Selbstbeschränkung kriminologischer Forschungen
auf innenstadtnahe öffentliche Massenwohnquartiere, die formal der
Moderne verpflichtet waren und voranging von in die Arbeitslosigkeit gedrängten
Schwarzen bewohnt wurden, hat dem New Urbanism der Postmoderne den Weg
bereitet und den Regeln wissenschaftlicher Zitationskartelle folgend
alle späteren kriminologischen Diskurse auch den europäischer
Großstädte auf Massenwohnbauten und MigrantInnenquartiere
gelenkt und dadurch die tief sitzenden Ressentiments gegenüber den
gefährlichen Klassen des 19. Jahrhundert am Leben gehalten.
Paradigmenwechsel der Kontrolle
Diese traditionellen sozialen Ausgrenzungsambitionen werden der Ablösung
der Dominanz des Staates wird durch die des Unternehmens überlagert:
Der moralisierende Griff auf das Individuum wird durch das
vermeintlich moralfreie Konzept der Sicherheit
ersetzt. Alle dafür relevanten Daten werden gesammelt, alle Risikofaktoren
erhoben, geordnet und verwaltet, und vereinzelt ermittelte Risikopotentiale
dann von Versicherungsunternehmen in institutionelle Normen für alle
umgesetzt. Betroffen davon sind Individuen, einzelne Gebäude und
der öffentliche Raum. Zur Zeit wird an einer EU-weiten
Normierung der Verbrechensprävention durch bauliche Maßnahmen
gearbeitet: Die Konsulenten dafür sind Vertreter der Polizei, der
Sicherheits- und Versicherungsunternehmen, Wohnbaufirmen und feministische
Stadtplanerinnen, die jeweils ihre Forderungen Niveau erhöhend einbringen.
Das Individuum durchlebt heute nicht mehr je nach Lebensabschnitt verschiedene
getrennte Kerkermilieus (die Familie, die Schule, das Militär, die
Fabrik usw.), sondern findet sich in seinem Alltag als potentieller Risikoträger
und umworbener Konsument zunehmend auch in einem Kontinuum wechselnder
und großteils privatisierter Kontrollmilieus wieder, deren Zugangsgrenzen
zunehmend ökonomischen Regulativen folgen.
Die Ablöse der Staates durch das Unternehmen lässt sich beispielhaft
anhand der Entwicklung der privatisierten Flughäfen und der ihrem
Beispiel folgenden Bahnhöfe ablesen, die sich nicht mehr allein ihrer
Transportaufgabe verpflichtet fühlen, sondern versuchen, den Personenfluss
ihrer Kunden auch für die Abschöpfung deren Kaufkraft nutzbar
zu machen und neue zusätzliche Nutzflächen zu errichten, um
sie möglichst Gewinn bringend weiter zu vermieten: Wohn- und Gewerbeparks,
office tower und shopping malls Reimplantation eines suburbanen
Gebäudetypus. Der Abzug der Kaufkraft durch die zusätzliche
Kaufkraftkonzentration in der shopping mall der Bahn droht dann auch in
den europäischen Innenstädten die alten Einkaufstrassen veröden
zu lassen sie könnten sich dann in Rückzugszonen der
Armen entwickeln, bis sie soweit stigmatisiert sind, dass sie zur Gänze
geschliffen werden, um neueren Projekten für wohlhabendere Klienten
Platz zu machen nicht unähnlich den amerikanischen Vorbildern
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