|
Ausstellung,
11. Mai 01. Juli 2001
hartware medien kunst verein
Daniel
Garcìa Andùjar, Peter
Brosens, Catherine
Chalmers,
Harun
Farocki,
Romuald
Karmakar,
Bettina
Lockemann / Elisabeth
Neudörfl,
Malcolm Payne,
Dan Perjovschi,
Jörg Schlick

© Catherine Chalmers
Einführung
Nachtrag
Credit
Links
be successful, get rich and enjoy it
Leitspruch der new economy
Innovationsbereitschaft, technologische Kompetenz und global playing
gelten als das Rüstzeug für den Überlebenskampf im 21.
Jahrhundert. Beflügelt durch den Zusammenbruch des Sozialismus, jenem
Schönheitsfehler aus der Welt von Gestern, verheißen
die alten Fortschrittsmythen im neuen Design den unaufhaltsamen Durchbruch
in die Welt von Morgen, die scheinbar jedem, der sich nur geschickt anstellt,
als individueller Spielplatz grenzenlos zur Verfügung steht. Nicht
von der Hand zu weisen ist indes, dass die innovativen Gewänder der
Globalisierung zutiefst mit den bewährten Strukturen
von Gewalt, Ausbeutung und Ausgrenzung verschränkt sind. Dass mehr
als die Hälfte der Weltbevölkerung unter der Armutsgrenze lebt
ist ebenso eine Folge und bewusste Strategie der ferngesteuerten neuen
Märkte wie die daran gekoppelten Krisenherde und Migrationsbewegungen.
Letztere werden wiederum von Seiten der zunehmenden Rechtsextremisten
in Europa auf verzerrende Weise herbeizitiert, um das Schauermärchen
einer angeblich drohenden Überfremdung zu verbreiten. Seitens der
vermeintlich gemäßigten politischen Liga finden diese alten
neuen Formen des offenen Rassismus dann schließlich ihren Widerhall
in Slogans wie Kinder statt Inder oder Ausländer
die uns nützen, nicht ausnützen.
Die Ausstellung new ideas old tricks stellte künstlerische
Ansätze vor, die den fortschrittsfixierten Gesängen im Zeitalter
der radikalen Harmlosigkeit kritisch begegnen und sich mit
den alten wie neuen, individuellen wie kollektiven Mustern der Gewalt,
Unterdrückung, Kontrolle und Ausgrenzung auseinandersetzen.
Dabei ging es auch um eine Reflexion der unterschiedlichen Strategien,
der Möglichkeiten und Grenzen sowie der alten und neuen
Formen einer widerständigen Praxis in der zeitgenössischen Kunst.
Bewusst berücksichtigte die Ausstellung daher nicht nur unterschiedliche
künstlerische Medien und Formate wie die Fotografie, Buchpublikationen,
den Dokumentarfilm, die Karikatur, die Videoinstallation oder das Internet,
sondern auch verschiedene ästhetische und konzeptuelle Ansätze.
Durch die Wechselwirkungen zwischen Arbeiten wie Harun Farockis
agitatorischen Film Nicht löschbares Feuer von 1969,
Daniel García Andújars Projekt phoney,
das die Sprache und Ästhetik der IT-Branche im Sinne einer Aneignung
von Machtdiskursen imitiert, oder Jörg Schlicks Konzept der
schwarzen Ausgabe der Camera Austria, das sich auf offensive
Weise einer unmittelbaren Reaktion auf den legitimierten Rechtsextremismus
in Österreich verweigert, sollte ein heterogenes Bild divergierender
künstlerischer Strategien der politischen Stellungnahme entstehen.
In ihrer kritischen Beleuchtung der schönen neuen Welt
setzte die Ausstellung bei der künstlerischen Auseinandersetzung
mit dem Nationalsozialismus an. Sowohl die Buchpublikation PLAN
von Bettina Lockemann und Elisabeth Neudörfl als auch Romuald
Karmakars dreistündiger Film Das Himmler-Projekt
fokussierten dabei bewusst die Seite der Täter. Weitere
Themenfelder der Ausstellung bezogen sich auf die Folgen des Apartheidregimes
in Südafrika, den westlichen, ethnografisch geprägten Blick
auf fremde Kulturen, die Verschränkungen der Interessen
von Wirtschaft, Wissenschaft und Militär bei der Entwicklung von
Massenvernichtungswaffen, die Kontroll- und Ausgrenzungsmechanismen der
neuen Technologien sowie die Gesellschafts- und Wirtschaftsstrukturen
des globalisierten Kapitalismus und seiner ungeschriebenen Gesetze des
Fressen und Gefressen werden.
Begleitet wurde die Ausstellung new ideas old tricks
durch das dreitägige Dokumentarfilmprogramm passengers,
das sich mit der Frage nach den verschobenen Grenzen in der globalisierten
Welt beschäftigte und von den GastkuratorInnen Gudrun Sommer und
Mark Stöhr zusammengestellt wurde.

Nachtrag
Als die Ausstellung new ideas old tricks stattfand,
soll die Welt noch in Ordnung gewesen sein. Die Aufregungen um die Schüssel-Haider
Koalition waren zumindest auf breiter medialer und diplomatischer Ebene
abgeklungen, der Wahlsieg des Rechtspopulisten Silvio Berlusconi, Herrscher
über ein unvergleichliches Medienimperium, wurde mehr oder weniger
achselzuckend hingenommen. Hatte der FPÖ-Sieg noch vorübergehend
zu einer politischen Isolation Österreichs geführt, so schien
nicht der geringste Zweifel daran zu bestehen, Berlusconi den G7/G8 Gipfel
Ende Juli in Genua ausrichten zu lassen: jene Zusammenkunft von acht demokratisch
gewählten Volksvertretern, die für einige Tage das Hafenstädtchen
Genua in eine bis auf die Zähne bewaffnete Festung verwandelte. Verfassungsrechte
der westlichen Zivilisation wie das Versammlungsrecht, die
Bewegungs- und auch die, der globalisierten Welt so heilige, Reisefreiheit
wurden kurzerhand aufgehoben. Die Stadt war durch hohe Mauern in eine
gelbe und rote Zone aufgeteilt, militärisch bewachte Bannmeilen waren
eingerichtet, Bahnhöfe und der Flughafen gesperrt sowie Luftabwehrraketen
bereit gestellt worden, denn: Osama bin Laden, der neue Feind des
Westens, soll angeblich gedroht haben, Genua aus der Luft zu attackieren
(Ulrich Ladurner in Die Zeit, 30/2001).
Auf brutalste Weise gingen die Rechtskräfte gegen die
50.000 300.000 DemonstrantInnen vor, die spätestens seit Seattle
und Göteborg allesamt Globalisierungsgegner genannt werden,
Hunderte Verletzte und Schwerverletzte gab es und einen Toten: Bedauerlich,
hieß es dazu später aus den Kreisen der Volksvertreter.
Fast parallel zum G7/G8 Gipfel in Genua sollte auf der Klimaschutz-Konferenz
in Bonn das so genannte Kyoto-Protokoll beschlossen werden. Die USA, eine
Nation, die bekanntlich ein Viertel der weltweiten CO2-Emissionen erzeugt,
verweigerte sich strikt der Unterzeichnung des Abkommens zur Sicherung
der heimischen Märkte, insbesondere der Ölindustrie. Bedauerlich,
hieß es erneut.
Auf der Anti-Rassismus-Konferenz wenig später in Durban (Südafrika)
lehnten es Europa und die USA ab, Sklaverei und Kolonialismus als Verbrechen
gegen die Menschheit anzuerkennen, da man befürchtete, daraus
könnten sich Entschädigungsforderungen ableiten lassen. Das
wäre dann wohl als extrem bedauerlich empfunden worden.
Die westliche Zivilisation konnte sich wieder einmal behaupten,
die Welt war nach wie vor im Lot: trotz ca. 30 Millionen Hungertoten und
ca. 800 Millionen unterernährten Menschen pro Jahr, trotz der Tatsache,
dass 52 der 100 größten Ökonomien weltweit von Konzernen
betrieben werden, die, dank der neoliberalen Freihandelspolitik, Lohnkosten,
Umweltauflagen und Steuerabgaben niedrig halten können, trotz des
Umstandes, dass der Besitz der drei reichsten Männer der Welt (allesamt
US-Amerikaner) mehr als die Hälfte des Besitzes der ärmsten
Länder zusammengenommen ausmacht, dass die Kluft zwischen Arm und
Reich nicht nur zwischen der so genannten Ersten und Dritten Welt, sondern
auch innerhalb der westlichen Zivilisation immer größer
wird, trotz des zunehmenden politischen Rechtsextremismus in den Industrienationen,
trotz 46 weltweiter kriegerischer Konflikte im Jahr 2001 mit schätzungsweise
über 7 Millionen Toten die meisten davon ZivilistInnen
und einer vielfach höheren Zahl an Verwundeten, Vertriebenen und
Flüchtlingen. Kriege und kriegerische Konflikte, die nicht zufällig
zu 90% die Bevölkerungen armer Länder betreffen.
Doch erst am elften September des Jahres 2001 soll die Welt aus heiterem
Himmel unwiederbringlich aus den Fugen geraten sein, habe ein perfider
Angriff die gesamte freie Welt, die gesamte zivilisierte
Welt, die Demokratie schlechthin getroffen. Seither
sei nichts mehr so, wie es vorher war
schön wärs!
Iris
Dressler

Ein Projekt
in Kooperation mit dem Kulturbüro Stadt Dortmund
KuratorInnen
Hans D. Christ, Iris Dressler
Presse und Koordination
Mark Stöhr
Technische Leitung
Hans D. Christ, Uwe Gorski
Support
Kulturbüro Stadt Dortmund
Ministerium für Städtebau und Wohnen, Kultur und Sport des Landes
NRW
Auswärtiges Amt
Technologies To The People
EUO
Links
Passengers
Reservate
No one ever dies there, no one has
a head
|