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Ausstellung,
21. August bis 4. Oktober 1998
Ehemalige Union Brauerei, Dortmund
Daniel G. Andùjar,
Siegrun Appelt,
John M. Armleder,
Peter Bogers,
Marie José Burki,
Diller + Scofidio,
Onno Dirker,
Stan Douglas,
Christoph Draeger,
FLATZ, Mark
Formanek, Rodney
Graham, Johan
Grimonprez, ipfo,
Christoph Irrgang,
Gerald van der Kaap,
Kirsten Kaiser,
Peter Land,
Leuchtstoff,
Muntadas,
Walter Niedermayr,
Vito Orazem,
Tony Oursler,
José
A. Restrepo,
Alberto Simon, Jan-Peter
E.R. Sonntag, Bill
Spinhoven, Allan
Wexler, Andrea
Wolfensberger, Thomas
Wrede

Einführung
Die
Ausstellung
Credits
Links
Bilder
Publikation
Einführung
Reservat: ... großes Freigehege für bedrohte Tierarten (DUDEN)
Utopien und Visionen einer schönen neuen Welt sind obsolet, geradezu
verdächtig geworden. Die sozialen, ökonomischen und ökologischen
Mißstände im "Global Village" scheinen vielmehr den
Anlass zu geben, mit größtem massenmedialen Aufwand Verfall
und Untergang heraufzubeschwören. Das befürchtete Desaster,
die unspezifische Bedrohung, erstarrt zum "Phantom Zukunft" und läßt
sich somit bequem auf unbestimmte Zeit nach vorne verschieben.
Im Diesseits hat die Freizeitgesellschaft dagegen gelernt, sich mit ihren
Wünschen und Bedürfnissen in den von ihr produzierten Mißständen
einzurichten, abzuschotten und wohlzufühlen. Die großen Ideen
einer besseren Welt weichen der Sorge um das private Glück, nach
der die Welt und die Weltbilder ausgerichtet werden. Das "Interieur
des Privatmanns" (Benjamin) ist längst über die eigenen
vier Wände hinaus auf unzählige Reservate der Sehnsucht übertragen
worden.
Dass sich aus Angst Kapital schlagen lässt, wissen Anbieter von Sicherheitstechnologien
für Eigenheime und neuerdings für ganze Vorstadtkomplexe
ebenso wie die Promotor von Extremsportarten, die Filmindustrie, Automobilhersteller
oder die Tourismusbranche.
In den Sicherheitskästen der Entertainmentindustrie wird die Katastrophe
vorweggenom-men, zum simulierten tödlichen Spiel, in dem der Held,
der Konsument, garantiert und immer wieder unversehrt davonkommt. Fast
immer, denn manchmal passieren Unfälle.
Die künstlichen Katastrophen der Vergnügungsparks sind von den
durch Massenmedien regulierten Bildern "realen" Unglücks
allerdings kaum noch unterscheidbar. Unfälle (diese heimtückischen
Attentate auf die versicherte Welt) werden wie Fußballspiele per
Computersimulation rekonstruiert und analysiert, um das Desaster mit jeder
Wiederholung ungeschehener, die Effekte der Schau(er)lust leichter konsumierbar
zu machen. Dazu gesellt sich neuerdings die Trauerlust. Eine Massenbewegung
aus allzeit Bestürzten hat sich zum rnediengerechten Begräbnis-Hopping
rekrutiert.
Sicherheit und Katastrophe sind dieselbe Seite der Medaille einer universellen
und universalisierenden Kommerzialisierung von Alltag, Freizeit und Kultur.
Die Welt ist in eine Vielzahl mehr oder weniger begehbarer Displays aufgefächert,
durch die hindurch sie sich als solche erst vermittelt: als überschaubares
Warenhaus, an dessen Vitrinen sich der kosmopolite Flaneur die Nase platt
drückt. Zum Beispiel in der Fremde.
Fotografie, Film und Fernsehen bereiten schon im Vorfeld jeder potentiellen
Reise das Ferne und Fremde für das Heimische und die (noch) Daheimgebliebenen
szenisch auf. Abenteuer, Wildnis, Exotik: Abziehbilder, die das Ferne
auf Stilleben festnageln, in denen sich nichts mehr rührt außer
den daran wie an Schaufenstern vorbeiziehenden Touristen und Kamerateams.
Ziel der Fernreisen sind jene stets nachträglichen Displays, die
sich mit den telematischen Fern-Bildern von zu Hause decken sollen - und
wehe, es kommt etwas dazwischen. Das, was die Fremde verspricht, wofür
sie steht und womit sie lockt, wird dort in streng überwachten, vollklimatisierten
und mit jeglichem Luxus ausgestatteten Gehegen geboten, die das Außergewöhnliche
mit dem Gewohnten in Einklang bringen. So entstehen ganze Kunstlandschaften,
wie das von kalifornischen (!) Architekten und Designern entworfene Areal
"Lost City" in Südafrika: ein künstlich angelegter
Regenwald inmitten der Wüste, wo täglich um 12 Uhr die Apokalypse
mit speienden Vulkanen und simulierten Erdbeben eingeläutet wird.
Alles sorgsam abgeschirmt von der "unkalkulierbaren Wildnis"
(in der womöglich etwas dazwischenkomrnen könnte) und deren
lästigen Bewohnern, die lediglich als folkloristisches Fotomotiv
oder in Form von Dienstleistung (die dann als "Gastfreundschaft"
verhandelt wird) an sich herangelassen werden. Ob Regenwald, Südseeinsel
oder Matterhorn: Die Erholung verheissenden Bilder der Urlaubsparadiese
verhandeln Land als Interieur und Leute als Intarsie.
Auch das urbane Umfeld daheim wird zunehmend als ein trockenen Fusses
passierbares Netzwerk von Bedürfniszonen angelegt: Shopping Malls
mit angegliedertem AdventurePark, Messen und Museen, Spassbäder und
Erlebnisgastronormen bieten das Exotische, das Abenteuer und die Wildnis
direkt um die Ecke. Sie operieren und argumentieren mit denselben Versatzstücken
der "Fremde" wie die Feriendörfer: ein bisschen Afrika
hier, ein wenig Alpenromantik dort, dazwischen Altstadtsimulationen und
Regionalkultur in homöopathischen Dosen. Alltag, Freizeit und Kultur
werden unter den flächendeckenden Mechanismen der Kornmerzialisierung
urbaner Lebens- und Handlungsräume zum austauschbaren Spektakel.
Mit dem Spektakel argumentiert denn auch der Städtetourismus, der
die Besucher nicht in historisch gewachsene Zentren führt, sondern
sie zum Mittelpunkt eines Schauspiels, einer museal-futuristischen Melange
aus monumentalen Sehenswürdigkeiten und von der Stange produzierten
Events erklärt.
Die Refugien der postindustriellen Gesellschaft fordern die perrnanente
Okkupation und Negation öffentlicher Räume durch private Angelegenheiten
ein. Das Private wird zum Öffentlichen, das Öffentliche zum
Privaten und beide zum kommerziellen Spielfeld des einen Codes: fun, fun.
fun.
Die Ausstellung
Die Ausstellung "Reservate der Sehnsucht" geht den verschiedenen
Optionen der "Einrichtung im Unbehagen" nach. Auf vier Etagen
einer Dortmunder Industrieruine - der ehemaligen Unionbrauerei - wurden
temporäre Displays - Poternkinsche Dörfer - installiert, in
denen "Desaster" und "Easy Living" gleichermaßen
zum Tragen kommen.
Ausgangspunkt der Ausstellung war eine der desolaten Etagen in der ehemaligen
Unionbrauerei, eine in den Innenraum verkehrte, zerklüftete Landschaft,
die mit ihren Trümmerschollen aus heruntergerissenen Zwischendecken
und abgeschlagenen Kacheln an Caspar David Friedrichs Gemälde "Die
gescheiterte Hoffnung" erinnerte. Inmitten dieses ebenso deprimierenden
wie romantischen Schutthaufens wurde eine grüne Wiese, eine Gartenlandschaft
mit Miniaturhügeln angelegt als Grundmotiv der modernen Reservate,
die aus jeder "gescheiterten Hoffnung" eine profitable Tugend
zu machen wissen. Jan-Peter E.R. Sonntag inszeniert dazu ein Tableau
Vivant frei nach Edouard Manet, mit Schaukeln, Schmetterlingen und Picknickdecken.
Diese Gesten der Idylle werden konterkariert durch Rodney Grahams
"Vexation Island", ein Südseedrama in Technicolor, das
paradiesische Zustände als endlosen Aufschub interpretiert.
Insgesamt umfasst die Ausstellung vier Etagen des Industriemonuments,
in die unterschiedliche Stilleben kultureller Provenienz implantiert sind.
So ist eines der eher intakten Segmente moderat zum musealen "White
Cube" umgestaltet worden; ein weiteres Geschoss inszeniert archäologische
Spurensicherung, die es durchaus auf die der Ruine eigene Faszination
angelegt hat. Das imposante Turmgeschoss mit seinen Gewölben, Galerien
und Stahlträgern wird schließlich selbst zum Exponat, sein
exponierter Status durch eine raumumgreifende, beinah unsichtbare Soundinstallation
noch überhöht. Die Funktionen von Ausstellungsraum und Ausstellungsexponat
werden hier schlicht verkehrt.
Die räumlichen und künstlerischen Inszenierungen greifen in
der gesamten Ausstellung mit verschiedener Gewichtung ineinander: Die
Boxsäcke der Installation "Bodycheck" von FLATZ
sind in unmittelbarer Nähe zu einem riesigen Wanddurchbruch im Gebäude
plaziert. Man erkämpft sich einen gedoppelten Blick, zum einen auf
das Panorama der Stadt Dortmund, zum anderen auf einen Bungeejumping-tauglichen
Abgrund.
Die Zitat- und Kulissenhaftigkeit sowie der Zeigegestus der räumlichen
Sets treten offen zu Tage, ihr Illusionismus bleibt fragwürdig und
verführerisch zugleich. Diese beabsichtigte Schieflage schreibt sich
in den Videoinstallationen, Fotoserien, Objekten und Installationen der
KünstlerInnen fort. Mit Affirmation und Ironie, sensibler Einfühlung
und kritischer Distanz gehen sie den postindustriellen Attitüden
auf den Grund: dem Spektakel, dem Kult und der Kultivierung des Individuellen,
den Mythen der Globalisierung und der Mobilisierung. Die kommerziellen
Überformungen urbaner, landschaftlicher und sozialer Gefüge
sind dabei ebenso Thema wie die Lebens- und Überlebensstrategien
des einzelnen an den Rändern des Öffentlichen und Privaten.
Die Besucher betreten die Reservate der Sehnsucht durch das eigens eingerichtete
Café Matta-Clark. Von hier aus gelangen sie über den Eingangskorridor,
vorbei an ersten Videoinstallationen zum Aufzug. Vom Aufzugspersonal in
Empfang genommen, fahren sie dann von Etage zu Etage in die verschiedenen
Ausstellungsbereiche.
Ganz bewusst begibt sich die Ausstellung auf das vielschichtige Glatteis
des Spektakels, handelt es sich dabei doch um ein Terrain, das auch dem
Kunstbetrieb nicht allzu fremd ist: Documenta, Biennalen, Manifesta, Zentren
für Medienkunst um nur die bekannten Spitzen des Eisbergs zu benennen.
Die subtilen Mechanismen der Kommerzialisierung und Standardisierung persönlich/
öffentlicher Bedürfnislagen sind trickreich; glaubt man ihnen
zu entkommen, ist man ihnen längst schon auf den Leim gegangen. Die
Ausstellung liefert daher kein lückenlos abgeklärtes oder hehres
Abgrenzungsprogramm gegen die Infiltrationen der Freizeitkultur, sondern
setzt den Betrachter den Kosumenten - der Ambivalenz seiner eigenen Reservate
der Sehnsucht aus.
Ein Projekt
des Kulturbüros Stadt Dortmund in Kooperation mit
hartware und der
Kultur Ruhr GmbH
KuratorInnen
Hans D. Christ, Iris Dressler
Assistenz
Vanessa Joan Müller
Technische Leitung
Hans D. Christ, Ute Schulze-Eyßing
Support
Kultur Ruhr GmbH
Stadt Dortmund
Ministerium für Arbeit und Soziales, Kultur und Sport des Landes
NRW
Stadt Sparkasse Dortmund
Mondriaan Stichting
OCenW
Pro helvetia
ERCO
Minimax
Eurowings
Steigenberger Maxx Hotel
Brinkhoff's
Technologies To the People

Links
Plan
B
Stadtwerkstatt
new ideas old tricks
Bignes?
Bilder

links: Café Matta-Clark, rechts: Aufzug, Fotos:
Christoph Irrgang
 
l inks: "Landschaftsetage" vor den "Reservaten", Foto:
Sascha Dressler
echts: "Landschaftsetage"
während den "Reservaten", Foto:
Christoph Irrgang

"White Cube" Etage, Foto: Thomas Wrede
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