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20.
September 10. November 2002
Ausstellung
Eröffnung:
20. September, 19 Uhr
Di - Fr: 16 - 22 h, Sa + So + Feiertage:
13 - 22h
Samstag, den 28. September: 13 - 2 h (im Rahmen der Dortmunder Museumsnacht)
hartware medien kunst verein, Güntherstraße 65, 44143 Dortmund
english
version
Edgar
Arceneaux, Jens
Brand, Michel
François, Andreas
Gedin, Gary
Hill, Dagmar
Keller/Martin Wittwer, Bettina
Lockemann, Roland
Schappert
© Keller/Wittwer
Einführung
Credits
Jeder Vorabendkrimi lehrt uns, dass es gerade die kleinen, unscheinbaren
Dinge sind, die im Lichte der kriminalistischen Aufklärung den entscheidenden
Beweis liefern, um den Schuldigen zu überführen. Das Banale
und Alltägliche erscheint, wenn man es erst einmal aus seinem vordergründigen
Bedeutungszusammenhang herausgelöst und aus einer anderen Perspektive
sowie in einem anderen Kontext betrachtet hat, als höchst verdächtig.
Die Wahrheit aufzuspüren, oberstes Ziel eines jeden Kriminalinspektors,
ist also eine Frage der Haltung, der Interpretation, der Lesweisen. Dinge,
die scheinbar nichts miteinander zu tun haben, müssen in eine sie
logisch verknüpfende, neue Ordnung gebracht werden, damit der Tathergang
rekonstruierbar wird. Dass dem so ist, lässt allerdings auch den
Rückschluss zu: Es hätte so, aber auch ganz anders sein können.
Die Rekonstruktion von Verbrechen, ebenso wie von Geschichte, Identitäten
oder Ereignissen, ist also immer schon mit deren Konstruktion inklusive
aller Irrtümer, Fehlleistungen und Vorurteilen verknüpft.
Das Banale und Alltägliche sowie das Ungewöhnliche und Verdächtige
sind die Ausgangsmotive der künstlerischen Arbeiten, die in der Ausstellung
nicht weit von der wirklichkeit entfernt zu sehen sind
wobei hier permanent das Banale in das Ungewöhnliche und umgekehrt,
das Ungewöhnliche oder gar Verdächtige in das Banale hineinspielt.
Die Dinge das sind hier zum Beispiel eine Kreuzfahrt, ein Cafébesuch,
der Alltag von drei Nachbarinnen, ein Mordfall, ein Naturphänomen
oder der Dialog zwischen Zwillingen werden aus ihrem Zusammenhang
gelöst und in eine andere Erzählung eingebettet. Dabei bemühen
sich die KünstlerInnen jedoch keineswegs um eine lückenlose,
eindeutige Re/Konstruktion von Geschichten, Identitäten und Ereignissen,
sondern um das Aufwerfen von Ungereimtheiten. Ihre Erzählungen bewegen
sich dabei nie weit von der Wirklichkeit entfernt, aber immer weit genug,
um Zweifel und Widersprüche zu streuen.
Die
Ausstellung zeigt Arbeiten von insgesamt neun KünstlerInnen aus Deutschland,
Belgien, Schweden und den USA, darunter vier neue Werke, an deren Produktion
der hartware medien kunst verein wesentlich beteiligt ist: Ruhe
im Schatten von Dagmar Keller und Martin Wittwer, Stille/Landschaft
von Jens Brand sowie Border Patrol und Position I und
II von Bettina Lockemann.
Untersuchungsgegenstände oder "Tatorte" der
KünstlerInnen sind zum Beispiel eine amerikanische Vorstadtsiedlung.
Hier führen drei schwarze Frauen drei voneinander völlig unabhängige
Leben, in deren Alltag uns die Videoinstallation An Insiginificant
Moment von Edgar Arcenaux Einblicke verschafft. Aus ungeklärten
Gründen treffen die drei Frauen plötzlich aufeinander: Ein zugleich
beiläufiger wie bedeutsamer, plausibler wie unglaubwürdiger
Vorfall, der allerdings zu nichts zu führen scheint. Doch heißt
es nicht auch, dass der Flügelschlag eines Schmetterlings im brasilianischen
Urwald ein Unwetter in der Karibik auslösen könnte?
Roland Schappert beobachtet mit seiner Kamera Personen vor und
hinter der Fensterfront eines Kölner Szenecafés. Immer wieder
werden Passanten, deren Gesichter die Kamera nur unscharf wiedergibt,
herausgegriffen und in Form phantombildhafter Zeichnungen genauer unter
die Lupe genommen und sogleich haftet ihnen die Aura des Verdächtigen
an.
Dagmar Keller und Martin Wittwer wiederum beschäftigen sich
in ihrer Videoinstallation Ruhe im Schatten mit einem veritablen
Mordfall, der sich in den 50er Jahren in einem kleinen Schweizer Alpendorf
zugetragen hat. Hier geht es weniger darum, den bisher ungelösten
Fall aufzuklären. Vielmehr wird in einer szenischen Umsetzung von
Verhörprotokollen nachgezeichnet, wie sich die Dorfbewohner ihre
Sicht der Dinge zu Gunsten der Wahrung des inneren Dorffriedens
zurechtgelegt haben.
Sprache und Bilder sind wesentliche Elemente unserer Verankerung in der
Wirklichkeit. Ihre Gesetzmäßigkeiten werden in den Arbeiten
von Gary Hill und Andreas Gedin überdehnt, demontiert und verkehrt.
So läuft Gary Hills ca. 30 minütiger Film Why do
Things get in a Muddle? (Come on Petunia), der über die Beziehung
von Ordnung und Unordnung räsoniert, rückwärts, wobei auch
die DarstellerInnen rückwärts sprechen und agieren, so dass
die Gesetze der Sprache und die Logik des Films zwar bedingt wiederhergestellt
werden, jedoch zugleich auch erheblichen Schaden nehmen.
Andreas Gedin wiederum lässt eine Geschichte über Zwillinge
von zwei identischen Personen sprechen, wobei jedes einzelne Wort gespalten
wird.
Ferner untersuchen die KünstlerInnen der Ausstellung die spezifischen
Funktionsweisen unterschiedlicher Bildsysteme Kartografie, Fotografie,
Film, Handzeichnung, Webcamaufnahme und deren Bezug zur Wirklichkeit.
So zeigen beispielsweise Webcambilder zwar selten etwas interessantes
oder aufschlussreiches, erfreuen sich jedoch großer Beliebtheit,
einzig und allein wegen ihres Charakters der Liveübertragung. Darüber
hinaus geht es um die Frage der Übertragbarkeit zwischen Bildsystemen:
Was kommt hinzu, was geht verloren wenn die Handzeichnung im Videobild
(Schappert), das Video als Quicktimemovie (François), die Webcamaufnahme
als Computerprint (Lockemann) und das Bühneszenario in einer Videoprojektion
(Keller/Wittwer) gezeigt wird? Die Re/Konstruktion von Wirklichkeit wird
also als ein dezidiert medienspezifisches Anliegen verhandelt.
Die Ausstellung wird ferner vom 18. 20. Oktober von dem Film-
und Vortragsprogramm Was
bisher geschah
begleitet, dass sich mit der Re/Konstruktion von Erinnerung befasst.

Credits
Veranstalter
medien_kunst_netz dortmund
> hartware > Museum am Ostwall > Kulturbüro Stadt Dortmund
KuratorInnen Ausstellung
Iris Dressler, Hans D. Christ
KuratorInnen Filmprogramm
Gudrun Sommer, Karsten Stempel
Assistenz
Tabea Sieben
Technische Leitung
Hans D. Christ, Uwe Gorski
Support Ausstellung
Kulturbüro Stadt Dortmund
Ministerium für Städtebau und Wohnen, Kultur und Sport des Landes
NRW
Courtesy
Die KünstlerInnen; The Netherland Media Art Institute Montevideo/TBA,
Amsterdam; iMAL, Magic Media, Brüssel
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